Streit- und abenteuerlustig; Ideen gegenüber treu, die verhaßt sind; voller Widersprüche; ein Zauberer… Dennoch, er vermochte ein Leben zu führen, das sich gänzlich von dem der meisten anderen Sterblichen unterschied. Ich nenne das Glück mein eigen, ihn kennengelernt zu haben und vielleicht einer der wenigen zu sein, die sich trauten, seiner Meinung etwas entgegenzusetzen — im Verbund mit meiner Schwester (die übrigens den Adel des Widerstreitens hoch schätzt, wenn ihr etwas verkehrt erscheint, und die dann ohne jede Furcht vor jedweder Unbill voranschreitet) —, trotz des Respekts, den er einflößte.
Er war ein rätselhafter Mann, einmal hochgelehrt, ein anderesmal poetisch. Ich konnte über verschiedene Themen mit ihm sprechen: Politik, René Guénon, die Welt der Träume, den Islam,
Aber dies kann weder gegen die literarische Qualität seiner Schriften noch gegen einige seiner Findungen — wie die Annahme eines „magischen Nationalismus“ oder eines „tellurischen“ und eines „magischen Landes“ — ins Feld geführt werden; es sind dies Konzepte, die sich grundlegend von dem simplen, kalten politischen Nationalismus unterscheiden. Wir brauchen ja bloß Werke wie Los Misterios, Ni por mar ni por tierra, Elella oder seine Memorias zu betrachten, und wir erkennen, daß wir dem besten chilenischen und amerikanischen Schriftsteller gegenüberstehen. Und das, weil Serrano, um es mit den Worten Erwin Robertsons zu sagen, „ein Schriftsteller anderer Art“ ist. Daran besteht in der Tat kein Zweifel! Zu Serrano blickte eine große Zahl chilenischer Schriftsteller und Literaturkritiker wie José Miguel Varas, Armando Roa, Armando Uribe und Cristián Warnken auf. Der letztgenannte hat unterstrichen, daß es die Aufgabe eines jeden Chilenen ist, die Landschaft, über die wir reden wollen, zu durchdringen. Diese Liebe zur Landschaft ist es, die mich zum Melimoyu im Süden Chiles pilgern ließ — dem heiligen Berg, der von Serrano mit dem indischen Kailash verglichen wird —, ebenso wie zu den Monolithen von El Quisco in Nordchile, die ich erforscht habe, und ich verlor mich auch auf der Suche nach der Symbolsprache der Natur in den Ausläufern der Anden. Denn der Mensch ist erst ganz, wenn er mit seiner Landschaft, mit dem Boden, mit den Bergen und dem Mysterium verbunden ist, das sich am offenen Himmel verbirgt.
Eine Anekdote ist mir im Gedächtnis geblieben. Es war bei der ersten Versammlung der „América Románica“, die von der Zeitschrift Ciudad de los Césares in Viña del Mar abgehalten wurde, Mitte der 1990er Jahre, als ich ungefähr zwanzig Jahre alt war. Auf dieser Veranstaltung bemerkte Herr Alberto Buela, ein argentinischer Redakteur des Disenso-Magazins, mit dünner Stimme, daß man nun einmal nicht wisse, warum man gerade hier in Amerika geboren sei; Buelas Tonfall, so dachte ich, war der eines Mannes, der sich entschuldigt. Da stand Serrano auf und verkündete, er sei hier in Chile geboren, weil er es so gewollt habe. Das war Miguel Serrano! Ein Mann, der seine Ideen verteidigte, trotz allem und gegen alle.
Nunmehr soll er neben seiner geliebten „Papán“ ruhen, der goldenen Irene, die ihn zu einigen seiner besten Texte inspirierte, so etwa zum bemerkenswerten zweiten Band seiner Memoiren. Während die Geschichte voll von Menschen ist, die Poesie verfassen, wußte Serrano diese Poesie zu leben. Das magische Chile Serranos wird nicht mit ihm sterben. Das kann es gar nicht. Denn wer seinen Träumen treu ist und die Landschaft liebt, wird Teil des Mythos, und die Natur empfängt ihn an ihrem warmen Busen, auf daß er von den Hügeln, die er liebte, geschützt werde; jene Felsenriesen, die unser Land hüten und deren magische Heimat Serrano stets vor sich sah.
Sergio Fritz-Roa



