Auszug aus Editorial Nr. 9

[…]

Die erste Ausgabe [des Jungen Forums] erschien im März 1964 in Hamburg; sie war eine nur 8seitige hektographierte Schrift, die zwei Aufsätze von Lothar Penz enthielt: „Nationalismus und ‚unbewältigte Vergangenheit‘“ sowie Penz’ Gedanken über „Wesentliche Voraussetzungen einer geistigen und politischen Erneuerung in Deutschland und der europäischen [sic!] Gemeinschaft“. Im selben Jahr folgten drei weitere Ausgaben in den Monaten Mai, Juli und November. Über das Selbstverständnis und die Adressaten des neuen Periodikums hieß es im ersten Heft:

JUNGES FORUM[1] soll allen jenen volksbewußten Kräften offenstehen, die sich über neue Formen und neue Grundlagen Gedanken machen. Leute mit Vorurteilen, die gestrigem Erleben und Denken entspringen, sollen nicht angesprochen werden. JUNGES FORUM wendet sich daher bewußt an die jungen Kräfte, die sich dem entstehenden Neuen öffnen wollen. […] JUNGES FORUM will Organ einer neu entstehenden Anschauung und Lebenshaltung sein. Es will keine Dogmen verkünden, sondern zum Nach- und Mitdenken anregen und neue Ansätze aufzeigen.[2]

Diesem Anspruch von 1964 sollte das Junge Forum bis heute treu bleiben.

Mit der Ausgabe 1/1967 wurde das Junge Forum umfangreicher und erhielt ein gedrucktes Deckblatt. Nun schrieb auch Henning Eichberg für das Periodikum, allerdings unter dem Pseudonym Hartwig Singer, sowie Wolfgang Strauss. Der Blick war stets auch über den Tellerrand gerichtet, immer wiederkehrende Themen waren die Nationalismen anderer europäischer Länder. Caspar von Schrenck-Notzing (1927–2009), der 1970 die konservative Zeitschrift Criticón gründete, bezeichnete das Junge Forum lobend als „intelligentestes Organ der Jungen Rechten“. Ab 1969 führte dieses den Untertitel: „Beiträge zum Selbstverständnis der Jungen Rechten und zu einem modernen Nationalismus europäischer Prägung“.

Im Jahre 1970 — das Junge Forum erschien mittlerweile als gedrucktes, nicht mehr als hektographiertes Heft — wurde erstmals ein Beitrag von Alain de Benoist veröffentlicht, und es zeigte sich fortan eine engere Zusammenarbeit mit der französischen Neuen Rechten, der nouvelle droite, sowie ihrer Zeitschrift Nouvelle école und dem Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne (GRECE, „Forschungs- und Studienzusammenschluß für die europäische Kultur“). In diesem Zuge wurden auch vermehrt ethnographische Fragen angesprochen und die Erkenntnisse der Humangenetik diskutiert.

Das Jahr 1972 sah die Gründung des Verlages Deutsch-Europäischer Studien GmbH, in dem fortan — bis ins Jahr 2000 — das Junge Forum erscheinen sollte. Der Herausgeber Heinz-Dieter Hansen meldete sich in der Folge auch in eigenen Beiträgen zu Wort, und ab 1974 wurde gelegentlich die Blütenlese „JF-Kurzberichte und Meldungen zum Zeitgeschehen“ aufgenommen. Anfang der 1980er Jahre tauchen auch jene Autorennamen im Jungen Forum auf, die bis heute als herausragende konservative Denker in Deutschland gelten: Gerd-Klaus Kaltenbrunner und Karlheinz Weißmann. Aber auch weitere Publizisten und Klaus Hornung, Hrvoje Lorković, Robert Steuckers, Peter Bahn oder der SDS-Renegat Reinhold Oberlercher schreiben im Jungen Forum.

Zugleich mit der Verlagsgründung 1972 wurde die Taschenbuchreihe „Junge Kritik“ vom Deutschen Studenten-Anzeiger übernommen. […] 2004 wurde die „traditionsreiche Schriftenreihe“[3] von Markus Fernbach übernommen, der sie in seinem ein Jahr zuvor gegründeten REGIN-VERLAG herausbrachte und ihr einen anderen, nämlich traditionalen und gegenrevolutionären Schwerpunkt gegeben hat, der dem Jungen Forum seither eignet.

Diesen Paradigmenwechsel bekam allerdings nicht jeder Leser mit, was zu grotesken Interpretationen führte. Niemand geringerer als der bundesdeutsche Verfassungsschutz (VS) glaubte im Editorial des Jungen Forums 3 (Der Islam und die Rechte) allen Ernstes einen „codierte[n] Hinweis“[4] darauf ausmachen zu können, welche Stoßrichtung das „‚Traditionsblatt‘ der so genannten ‚Neuen Rechten‘ in Deutschland“[5] wirklich habe. Ein Henrik Berger vom Bundesamt für Verfassungsschutz präsentierte in einem am 5. Dezember 2005 gehaltenen Referat mit dem Titel „Antisemitismus im Rechtsextremismus – zwischen subtiler Anspielung und offenem Hass“ folgende Interpretationskette:

Im Editorial des besagten Jungen Forums hatte Fernbach geschrieben, daß die derzeitige Migrationspolitik

Ausfluß einer Mentalität [sei], die es aufs schärfste zu bekämpfen gilt: nämlich die eines Liberalkapitalismus, der dringend Konsumenten braucht, um wachsen zu können, weil er unter dem Gebot steht, wachsen zu müssen. Und der zuverlässigste Konsument ist für die Wirtschaft das wurzellose ahasverhafte Individuum, das sich nicht mehr über das Sein, sondern über das Haben definiert und sich seiner Identität nur noch im Konsum gewahr wird.[6]

Berger belehrt nun alle, die es wissen wollen, darüber, daß diese Kapitalismuskritik in Wahrheit gar keine Kapitalismuskritik sei, sondern dem Text vielmehr eine verborgene Dimension innewohne, die Berger in folgender Exegese enthüllt:

„Ahasverhaft“ ist ein Begriff, der aus dem Hebräischen stammt und sich auf den angeblichen Fluch der Juden bezieht, für die Tötung bzw. Nichtunterstützung Jesu Christi zu ewiger Wanderschaft verdammt zu sein. Aus dieser Legende entwickelte sich später das Klischee vom „ewigen Juden“, auf das FERNBACH hier anspielt. Neu ist an dieser antisemitischen Konstruktion nichts.[7]

Neu ist hingegen, daß der VS höchstselbst so hanebüchene Konstruktionen ersinnt. Wie kann man in einen antikapitalistischen oder -konsumistischen Text nur Antisemitismus hineininterpretieren? Das ginge doch nur, indem man die Gleichung Kapitalismuskritik gleich Judenkritik oder Kapitalismus gleich Juden aufstellte, oder?! Es ist allerdings schwer vorstellbar, daß der VS das im Sinn gehabt hätte, schließlich wäre dann ja er derjenige, der „antisemitische Konstruktionen“ wiederaufwärmte. — Wie dem auch sei, ein Blick in das Fremdwörterbuch (Duden Band 5, fünfte, neu bearb. u. erw. Aufl.) hätte jedermann, der bei diesem Wort nicht so ganz trittsicher ist, davon in Kenntnis gesetzt, daß „ahasverhaft“ bzw. „ahasverisch“ ein bildungssprachlicher Ausdruck für „ruhelos umherirrend“ ist; tja, und diese Bedeutung fügt sich schlußendlich wunderbarerweise ganz nahtlos in den Sinn des Fernbachschen Editorials, ohne daß man hier irgendeinen Judenbezug aus dem Hut zaubern müßte, der ja auch ferner in der ganzen weiteren Ausgabe des Jungen Forums keine einzige Wiederaufnahme findet und in der thematischen Komposition des Heftes so fehl am Platze wirken würde wie ein Goldfisch auf einem Fahrrad.

So mancher „codierte Hinweis“ ist bei näherer Betrachtung gar keine geheimnisvolle Botschaft, die erst von Kundigen gedeutet werden müßte. (Wenngleich natürlich Umberto Eco in seinem fabelhaften Roman Das Foucaultsche Pendel gezeigt hat, daß man die Geheimnisse des Kosmos noch aus den Abmessungen des Zeitungskiosks von der nächsten Straßenecke errechnen kann… Aber das ist eine andere Geschichte.) Das Junge Forum jedenfalls hat bisher keine codierten Botschaften an einen exklusiven Kreis von Wissenden übermittelt und gedenkt auch in Zukunft nicht, dies zu tun. Wir meinen das, was wir schreiben. Möglicherweise erspart diese Ankündigung dem VS in Zukunft zeitaufwendige und somit steuergeldverschwendende Textinterpretation. Aber vielleicht glaubt ja auch irgendein besonders kluger Konspirationsfachmann, hinter diesen Worten hier stecke ein finsterer Plan, den man schon irgendwie werde ans Licht zerren können. In diesem Falle wären freilich alle guten Wünsche vergebens.

Wenden wir uns nach diesem Exkurs intellektuell seriösen Druck-Erzeugnissen zu: Einen Überblick über die Rolle des alten Jungen Forums in der Vergangenheit und eine Einschätzung der jüngsten Entwicklung des „neuen“ Jungen Forums ist in der kritischen Studie Die »Neue Rechte«: Sinn und Grenze eines Begriffs zu finden (den dort ausgesprochenen Wertungen vermag sich der REGIN-VERLAG weitenteils allerdings nicht anzuschließen).[8]

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  1. Ein unterscheidendes Charakteristikum zwischen dem alten und dem „neuen“, also seit 2004 im REGIN-VERLAG erscheinendem Jungen Forum ist, daß der Titel des letzteren dekliniert wird: „das Junge Forum“ statt „Junges Forum“ im Nominativ. In der Sekundärliteratur, etwa aus dem antifaschistischen Spektrum, ist mitunter die Behauptung zu finden, man verwende den Titel Junges Forum lediglich ohne Artikel und undekliniert; das ist falsch. Das „neue“ Junge Forum wendet die Deklination (wie oben ersichtlich) auch rückwirkend an. — Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist, daß sich das alte Junge Forum als „JF“ abkürzte, das „neue“ als „JuFo“.

  2. 25 Jahre Junges Forum.

  3. Sezession, Nr. 6, Juli 2004. S. 68.

  4. Henrik Berger. „Antisemitismus im Rechtsextremismus – zwischen subtiler Anspielung und offenem Hass.“ In: Neuer Antisemitismus? Judenfeindschaft im politischen und im öffentlichen Diskurs: Ein Symposium des Bundesamtes für Verfassungsschutz. hg. vom Bundesamt für Verfassungsschutz (2005). S. 26–35 (28).

  5. Ebd.

  6. Junges Forum 3 (2004), S. 2.

  7. Berger, a. a. O., S. 29.

  8. Die »Neue Rechte«: Sinn und Grenze eines Begriffs. Wissenschaftliche Reihe 5. hg. vom Institut für Staatspolitik. 2., durchges. u. erw. Aufl. Albersroda, 2008. passim. — Die dort zur Sprache gebrachten Hauptkritikpunkte am „neuen“ Jungen Forum und seiner Ausrichtung lauten: Relativierung der „Nation als Bezugsgröße“, Infragestellung der „Ausrichtung nach Westen“, „Verklärung“ des orthodoxen Rußlands sowie des Islams und ein pragmatisches In-die-Arme-Schließen eines jeden, der „die ideologische Hauptlinie der Traditionalisten“ teilt. (Ebd., S. 29)

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Junges Forum 9

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