Leseprobe JuFo 9 (Interviewauszug)


MARCOS GHIO wurde 1946 in Mailand/Italien geboren. Er studierte Philosophie an der Universität Buenos Aires, wo er auch seinen Abschluß erwarb. Sein Interesse am traditionalen Denken erwachte gleich zu Beginn des Studiums in den frühen siebziger Jahren. Ghios besonderes Interesse gilt den christlichen Autoren des Altertums sowie des Mittelalters. Unter den Autoren des 20. Jahrhunderts war der Einfluß René Guénons bestimmend. Heute steht Marcos Ghio dem Centro de Estudios Evolianos („Zentrum für evolianische Studien“) in Argentinien vor.



„Politik ist Metaphysik in Anwendung“


Marcos Ghio im Gespräch mit dem JUNGEN FORUM


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Junges Forum: Wie viele Bücher von Evola haben Sie ins Spanische übersetzt?

Ghio: Ich habe nicht mehr mitgezählt, es dürften aber an die dreißig sein.

Junges Forum: Welche Werke halten Sie für die wichtigsten Monographien Evolas?

Ghio: Zweifellos das wichtigste Buch von allen ist die Revolte gegen die moderne Welt, aber wichtig sind auch Menschen inmitten von Ruinen [dt. 1991], Den Tiger reiten [dt. 1997, Neuübers.: 2006], Heidnischer Imperialismus [dt. 1933], Razza dello spirito [ital.: Die Rasse des Geistes]. Im ersten Buch, der Revolte, wird die Gesamtheit des evolianischen Denkens systematisch dargestellt, die anderen dagegen erörtern einzelne Probleme.

Junges Forum: Von Vertretern der Tradition wie auch von Außenstehenden wird oftmals von einem „spirituellen“ und einem „politischen“ Zweig der Tradition gesprochen. Inwiefern ist diese Unterscheidung sinnvoll?

Ghio: Sie ist keineswegs sinnvoll, es sei denn, man versteht Politik so, wie dies gegenwärtig geschieht, nämlich als bloßes Geschäft, als Mittel, soziale Veränderungen anzustoßen. Aber man sollte auch das Spirituelle eben nicht als Medizin verstehen, so wie es heute offenbar Usus ist. Aus traditionaler Sicht ist Politik so etwas wie Metaphysik in Anwendung!

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Junges Forum: In Europa werden Evola und weitere Traditionalisten derzeit im Kontext der immer größere Aufmerksamkeit gewinnenden eurasischen Idee rezipiert. Deren herausragender Exponent ist der Russe Alexander Dugin, sind aber auch die Italiener Carlo Terracciano (†) und Claudio Mutti. Sie selbst teilen — soweit wir wissen — deren nationalbolschewistische bzw. -revolutionäre Linie nicht und bezeichnen sie als „Infrafaschismus“. Was sind Ihre Kritikpunkte an dem nationalbolschewistischen Ansatz?

Ghio: Hier liegt ein gewaltiger Fehler vor, nämlich der Versuch, Evola an einen bestimmten kulturellen, rassischen und religiösen Kontext zu ketten. Evola selber hat die Notwendigkeit erkannt, einen „europäischen Nationalismus“ in so zentralen Werken wie Menschen inmitten von Ruinen weit von sich zu weisen. Dasselbe könnte man in bezug auf Evolas Konzept des Ariers sagen, das nichts mit der Auffassung zu tun hat, die sich während der Epoche des Nationalsozialismus durch Denker wie Rosenberg verbreitet hat, oder in bezug auf Evolas Konzept vom Heidentum, das ihm jene, die seine Schriften nach eigenem Gusto auslegen, so gerne verdrehen. Die Tradition bei Evola ist ein meta-historisches, meta-rassisches (im biologischen Sinne) und meta-religiöses Konzept, und in dieser Hinsicht stimmt es mit dem Prinzip der transzendenten Einheit aller großen Religionen überein. — In bezug auf die nationalkommunistische Linie von Dugin: Nicht nur unterstütze ich diesen Ansatz nicht (oder — wie man besser sagen sollte — nicht nur teile ich ihn nicht), sondern Evola selbst unterstützte ihn ganz und gar nicht; so hat er zu Lebzeiten Kritik an jenen geübt, die etwa die Gestalt eines Mao tse-Tung für die Tradition vereinnahmen wollten. Positiv an Dugin ist jedoch, daß er sich dieser Differenz zwischen Evolas und seinem eigenen Standpunkt durchaus bewußt ist und dies auch kritisch reflektiert. Schlimm ist es hingegen, wenn manch einer Evola verbiegt und verdreht, um ihn in die Schablone eines ganz fremden Denkens zu pressen.

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Junges Forum: Sie haben ein traditionales Konzept vorgestellt, das vorsieht, daß sich alle lateinamerikanischen Staaten zu einem Reich (el Imperio) zusammenschließen sollen. Können Sie bitte kurz schildern, inwieweit ein solches Reich traditionalen Prinzipien folgen würde?!

Ghio: Hierbei wollte ich ganz einfach herausstellen, daß die Idee des Reiches — das heißt die Verbindung von politischer Macht mit dem Sakralen und dem Transzendenten — in Amerika, sowohl in Mittel- wie auch in Südamerika (mir gefällt der Begriff „Lateinamerika“ nicht), auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Diese Reichsidee steht im direkten Gegensatz zur Politik der modernen Staatschefs, die ihre Autorität auf die bloße Äußerung des immanenten Volkswillens stützen. Vor der Ankunft der Spanier auf unserem Kontinent gab es hier die Reiche der Inkas, der Azteken, der Mayas, die zu keiner Zeit das egalitäre und demokratische Prinzip unserer Tage kannten. Wenn wir uns jene Epoche in Erinnerung rufen, in der Amerika einen Teil jenes Reiches bildete, „in dem die Sonne nie untergeht“, dann kommt uns doch unmittelbar zu Bewußtsein, daß die genannten Reiche tausendjährige waren, die Demokratie dagegen noch nicht einmal zweihundert Jahre alt ist.

Junges Forum: Der Begriff des Reiches oder Imperiums bringt uns zum Imperialismus. Ihr Imperiumsbegriff ist dem weltlichen Imperialismusgedanken entgegengesetzt. Was sind die Unterschiede?

Ghio: Hier liegt dasselbe Phänomen wie beim Begriff der Autorität vor. Imperialismus ist die Entartung des Imperiums, des Reiches. Während letzteres auf dem Charisma und dem transzendenten Prinzip beruht, das es verkörpert, stützt sich der Imperialismus dagegen auf das Monopol der Macht. Im Reich verbinden Glaube und Treue den Regierenden mit dem Regierten, im Imperialismus dagegen bilden Angst und Resignation dieses Bindeglied. Während die traditionalen Reiche über einen langen Bestand verfügen, weil sie sich auf ein geistiges Prinzip stützen, existieren die modernen Imperialismen nur solange, wie jene materielle Kraft noch da ist, auf die sie sich stützen können. Deshalb erweisen sie sich als kurzlebig; aus diesem Grunde zerfiel der sowjetische Imperialismus, und aus diesem Grunde wird in Bälde sicherlich der nordamerikanische zerfallen.

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Ende der Leseprobe

Den ungekürzten Abdruck des Gespräches finden Sie im Jungen Forum 9



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