Rezension: Gerhard Rosenkranz: "Shint˘ - der Weg der G÷tter"

Rezension

Gerhard Rosenkranz: Shintô -

der Weg der Götter

 

 

Eiserne Krone:

„Am Ursprung des japanischen Geistes“

 

Als erstes Werk seines Buchprogramms hat der Regin-Verlag diese Arbeit aus dem Jahr 1944 neu aufgelegt, was ihn dazu bewogen hat, gerade diese Abhandlung über das Shintô herauszugreifen, wird auch im Vorwort des Herausgebers nicht ganz klar. Es handelt sich um eine solide Arbeit, die dem Laien einen Überblick verschaffen kann und die auch der Fachmann zitieren kann, die weder vom Geist des Dritten Reichs gefärbt, noch heute völlig überholt ist. Ein eigener Reiz liegt vielleicht darin, daß es kurz vor dem Zusammenbruch der - allerdings ohnehin schon seit 75 Jahren modernisierten - japanischen Nation, jenem beispiellosen Geschichtsbruch, verfaßt wurde - sozusagen im letzten Moment da vom Shintô noch problemlos in der Gegenwartsform geschrieben werden konnte.

Der Autor Gerhard Rosenkranz war ein protestantischer Religions- und Missionswissenschafter, der bei Rudolf Otto studiert hat, aber nur behutsam die Paradigmen der Marburger Schule auf die ostasiatische Religionswelt angewendet hat, jedenfalls in diesem Buch. Am deutlichsten zeigt sich diese Zugehörigkeit noch bei der Formulierung der Kapitelüberschriften. Auffällig ist weiters der fast völlige Verzicht auf Vergleiche mit ähnlichen Phänomenen in anderen Kulturkreisen. Befremdlich wird dies, wenn er ein typisch schamanistisches Phänomen - "Besessenheit von einem Fuchs" - als "schwarze Magie" bezeichnet. Umgekehrt muß jedoch gesagt werden, daß auch die Diskussion über Klassifikationen nicht seine Sache ist, was das Werk natürlich erheblich lesbarer als vergleichbare zeitgenössische Arbeiten macht. Rosenkranz Absicht ist es, möglichst viel Material, unbeeinflußt von vorgefaßten Konzepten, dem Leser auszubreiten, er beginnt dabei beim Mythos des primordialen Paares Izanagi und Izanami, erzählt die Geschichte(n) des Götterzeitalters, darauf folgen Ahnenverehrung und heilige Landschaften, die imperiale Dimension des Staats-Shintô, sowie das sogenannte "Sekten-Shintô", das sind die im engeren Sinne theologischen und kultischen Vereinigungen und Schulen. Hier tritt nun auch die Frage nach dem Wesen der Gottheit auf, eine Frage, die zumeist auf die Alternative "Polytheismus oder Pantheismus" hinausläuft. Rosenkranz´ salomonische Lösung ist die Formulierung des "Pankamismus". Kami heißt aber eigentlich "die Götter".

Es ist das Göttliche, das der traditionsgebundene Japaner überall anwesend, aber die Wirklichkeit dennoch übersteigend - da rückbindend in Ursprung und Fülle - sah, das sich nicht auf Plural oder Singular festlegen läßt. Die überragende Bedeutung, die der Sonnengöttin Amaterasu zukommt, nähert sich dem solaren Monotheismus an. Aber von einem Dualismus des Dies- und Jenseits, einer transzendentalen Unerreichbarkeit kann in Japan keine Rede sein. Die Vergöttlichung der Ahnen und der "Heiligen", die eine Fülle von Schreinen hervorbringt, und ebenso die Leichtigkeit mit der der Buddhismus die "Kami" als Avatare des umfaßenden Buddha-Prinzips harmonisch integrieren konnte, zeigen deutlich Parallelen zur "mystischen Dimension" monotheistischer Religionen, z.B. den Sufi-Islam.

 

Die Kapitel über "magische Befragung", "magische Aneignung" und "magische Abwehr", die sich vornehmlich der eher dämonischen Aspekte der Wirklichkeit widmen, zeigen hingegen die Abkunft des Shintô von dem "hyperboreischen Schamanismus", der auch die traditionsgebundenen Stämme Sibiriens und Nordamerikas durchtränkt hatte, aber anscheinend nur in Japan eine imperiale "solare" Form entwickeln konnte. Im abschließenden Kapitel versucht Rosenkranz den "japanischen Geist", vornehmlich das japanische "Auserwähltheits- und Sendungsbewußtseins, aus dem Erbe des Shintô zu bestimmen. Dies ist zweifellos der zeitgebundenste Aspekt dieses Buches. Nicht nur die Wirklichkeit der japanischen Militärdiktatur ist heute vergangen, auch folgende Zeilen dürften überholt sein: "So ausgesprochen und selbstverständlich ist heute noch, wie für das Kind die Unterordnung unter die Eltern und für den Mann die Treue zum Tennô, für die Frau die Unterordnung unter den Mann ein Zug des japanischen Geistes..." Weggespült vom American Way of Life, jener "Stunde der Götterdämmerung", die Rosenkranz in den letzten Zeilen anklingen läßt.

 

von: Martin A. Schwarz

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