Der phantastische Kontinent, Kap. IV

Betrachtungen aus und über Lateinamerika

Auszug aus Kapitel IV: „Kolumbianische Notizen“

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Der kolumbianische Aphoristiker und Schriftsteller Nicolás Gómez Dávila gehört sicherlich zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde er am 18. Mai 1913 in Santafé de Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Seine Geburtsstadt war auch der Ort, an dem er am 17. Mai 1994 verschied, denn Dávila blieb sein Leben lang seßhaft und vermied es nach Möglichkeit, größere Reisen zu unternehmen.

Von anderen als Philosoph bezeichnet, nannte er selbst sich einen „Reaktionär“. Damit meinte er aber keinen Reaktionär solcher Art, der sich zum Beispiel einen König Ludwig von Bayern oder einen Konrad Adenauer zurückwünscht, der die Bush-Administration lobpreist oder gar einen neuen Manchester-Kapitalismus predigt. Dávila war ein rebellischer, kein nostalgischer Reaktionär: „Die pauschale Ablehnung der demokratischen Doktrin stellt das endgültige und kärgliche Refugium der menschlichen Freiheit dar: In unseren Zeiten ist die Rebellion reaktionär; oder sie ist nichts als eine heuchlerische und billige Farce.“

Dávila war vor allen Dingen, und das ist in der heutigen Zeit wirklich bemerkenswert, ein entschiedener Gegner der Demokratie. „Der Übergang von einer liberalen und individualistischen zu einer kollektiven und despotischen Demokratie“, schreibt er, „macht weder den demokratischen Vorsatz zunichte, noch verfälscht er das versprochene Ziel. Die erste Form birgt bereits die zweite in sich wie eine historische Verlängerung und eine notwendige technische Konsequenz.“ Und an anderer Stelle heißt es prägnant und scharf: „Die Demokratie ist eine anthropotheistische Religion.“

Fundamentale Kritik an dieser Art von Regierungsform, die nicht mehr den im antiken Griechenland einst entwickelten Prinzipien folgt und in der modernen Welt eine völlig andere Form angenommen hat, ist ein Leitmotiv bei Dávila. Dabei differenziert er vernünftigerweise nicht dem angeblich „freiesten Staat der deutschen Geschichte“ (Helmut Kohl): Ein Gemeinwesen, dessen Fabelhaftigkeit von seinen Vertretern bei jeder sich bietenden Gelegenheit dermaßen hervorgehoben werden muß, kann so fabelhaft gar nicht sein. Schließlich ist es unnötig, permanent auf Offensichtliches hinzuweisen. Hier besingen die Politiker augenscheinlich die angeblichen Früchte ihr eigenen Verwaltungstätigkeit.

Dávilas ebenso umfangreiches wie einzigartiges Werk besteht aus Aphorismen oder Glossen, die er spanisch escolios („Scholien“) bezeichnete. Das in der deutschen Sprache selten gebrauchte Wort „Scholie“ bezeichnet Anmerkungen, die zur Erklärung einem vorliegenden Text angefügt wurden.

Genauso ungewöhnlich wie sein Werk ist auch Dávilas Leben, denn er verließ fast nie sein Haus, von Bogotá ganz zu schweigen. Genauer gesagt, er hielt sich fast die ganze Zeit in seiner umfangreichen Bibliothek auf, wo er auch die Nächte verbrachte, was übrigens manchen Einbrecher verzweifeln ließ. In seinen Glossen und dem ihnen zugrundeliegenden Text (dem texto implícito, dem „inbegriffenen Text“) läßt er das geistesgeschichtliche Universum des Abendlandes wieder aufleben. Die moderne Welt lehnt er radikal ab und erinnert in dieser Hinsicht stark an das Denken des italienischen Kulturphilosophen und „magischen Idealisten“ Evola. Allerdings ist dem Kolumbianer der esoterische Ansatz des Italieners fremd, denn Dávila ist traditioneller Katholik. Wie weiter deutlich werden wird, besitzt er durchaus Sinn für die Realität und verherrlicht keineswegs vergangene Zeiten. Lassen wir an dieser Stelle Francisco Pizano de Brigard, ehemals Rektor an der Universidad de los Andes in Bogotá, zu Wort kommen: „Mit seiner Ablehnung der modernen Welt will der Autor [Dávila] in keiner Weise in irgendeiner Form die Vergangenheit wieder aufleben lassen, sondern eine Wahrheit verteidigen.“

Dávila drückt es poetischer aus: „Der lautere Reaktionär ist kein Träumer von vergangenen Zeiten, sondern Jäger heiliger Schatten auf den ewigen Hügeln.“

Die heute allzu weitverbreitete Vergangenheitsbekämpfung ist ihm aus tiefster Seele heraus zuwider. Der Hohn und der Spott, mit denen die Protagonisten der „schönen neuen Welt“ unsere Vorfahren überziehen, widert ihn an. Die ungeheure Überheblichkeit und die dümmliche Arroganz, mit der heutzutage die Lebenden über die Toten richten, bleiben ihm unverständlich, sind eine Schande und ein Ärgernis. Für ihn sind die Stimmen aus der Vergangenheit wenigstens so aktuell wie jene aus der Gegenwart, denn für den Kolumbianer haben die Probleme der Menschen keine Lösungen, sondern lediglich Geschichte.

So, wie der Lebenslauf jedes Menschen immer wieder von Brüchen gekennzeichnet ist, so zieht der lateinamerikanische Aphoristiker die fragmentarische Betrachtungsweise dem Essay vor. Es gibt kein einheitliches, in sich geschlossenes Lehrgebäude, keine systematische Wahrheit, es existieren nur Annäherungen an diese. Die inzwischen vom Wiener Karolinger-Verlag eingerichtete deutschsprachige Ausgabe der Werke Dávilas enthält überdies sogar ewig gültige Lebenshilfen: „Weder Niederlagen noch Unglücksschläge nehmen die Lebenslust. Nur der Verrat löscht sie aus.“

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Inkamaske, Kultgegenstand

Bemerkenswert und bedenklich zugleich: Seit Dávilas Tod gibt es Bemühungen seitens demokratischer Kräfte, den Kolumbianer zu einem der ihren zu machen. Warum? Dávila war im Gegensatz zu diesen ein unabhängiger und genialer Denker. Seine Standpunkte müssen den im Sumpf des linksliberalen mainstream Rudernden zwangsläufig vollkommen fremd sein. Wohl deshalb scheint der kultivierte und belesene Dávila die wenigen Intelligenten und — noch seltener — die Ehrlichen unter den Parteigängern der modernen Welt trotz allem in seinen Bann zu ziehen: „… ich möchte doch, daß diese eine und einzige Stimme, einzige überzeugende der scharfsinnigen Gläubigkeit und Gegenmoderne in unseren Tagen gehört wird. Man mag es zusehends spüren, welche Anziehungskraft von einem Denken ausgeht, das in seinem dichtesten Kern aus Unbefragbarkeit und aus Frommheit besteht …“ (Botho Strauß)

Selbst der Gaudibursch der Nation, der gelegentlich durchaus amüsante Harald Schmidt, schmückt den Klappentext seines jüngsten Buches mit einem Dávila-Zitat: „Über den Reaktionär urteilt man nie aufgrund dessen, was er sagt, sondern aufgrund dessen, von dem man annimmt, daß er es gesagt habe.“

Obwohl Dávila sicherlich den Literaturnobelpreis verdient hätte, bekam er diesen natürlich nie; er wurde nicht einmal dafür vorgeschlagen. In einer Zeit, in der die Uniformierung des Denkens weiter fortgeschritten ist als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit, wäre dies auch kaum vorstellbar. Denn wenn jemand, der offen gegen die Demokratie und den Linksliberalismus anschreibt, in irgendeiner Form von den Exponenten der westlichen „Werte“-Gemeinschaft und ihren linken und rechten Claqueuren geadelt würde, hieße das ja, daß die demokratischen Kräfte Meinungspluralismus unterstützten. Außerdem hätte Dávila eine solch zweifelhafte Ehre wie die des Nobelpreises sicher ohnehin abgelehnt.

Dávila hat die schärfste geistige Waffe gegen den Ungeist der modernen Welt, gegen totalitäre Demokratie, Antifaschismus zwischen jenen Ländern und Erdteilen, in denen die zeitgenössische Demokratie inauguriert ist: Egal ob es sich um Kolumbien oder um die „BRD“ handelt, diese verlogenste und verkommenste aller Arten organisierter Herrschaftsausübung wurde von ihm gnadenlos entlarvt. Wo der Mensch und vor allem die diesen repräsentierenden Politiker sich zum Gott erheben, da ist das Ergebnis entsprechend. Die systematische Vernichtung der Lebensgrundlagen der Spezies Mensch ist sodann die logische Folge.

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Abschließend noch einmal Dávila: „Wir sind nicht die Summen unserer Taten. Wir sind die Unversehrtheit unseres geheimsten Kristalls oder sein geheimster Riß.“



Ende des Kapitelauszugs

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