Der phantastische Kontinent, Kap. IX

Betrachtungen aus und über Lateinamerika

Auszug aus Kapitel IX: „Die schreckliche portugiesische Sprache“

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[…]

Das Portugiesische, das im kleineren Teil der Iberischen Halbinsel entstanden und mittlerweile das weltweit am fünfthäufigsten gesprochene Idiom ist, gehört zu den Sprachen, bei denen es unmöglich erscheint, vorauszuahnen in welcher Art und Weise ein und derselbe Buchstabe ausgesprochen wird. Nehmen wir das Beispiel „r“. Im Deutschen, Englischen oder Spanischen ist das eine saubere Sache: Das „r“ wird „rrrr“ oder auch nur „r“ ausgesprochen — die Varianten beziehen sich auf lokale Besonderheiten und haben in der jeweiligen Hochsprache keinen Bestand. Im Portugiesischen hingegen besteht eine Möglichkeit, es richtig auszusprechen, gegen drei Möglichkeiten, es falsch zu tun:

Man kann es wie das deutsche „h“ aussprechen (rio, „Fluß“ = /hiu/), wie ein ganz weiches deutsches „ch“ (carro, „Wagen“ = /caho/ bis /cacho/), aber auch wie ein deutsches „r“ mag das portugiesische „r“ lauten: (pronto, „bald, fertig“ = /prontu/). Ein portugiesisches „r“ am Ende eines Wortes (zum Beispiel dormir, „schlafen“ = /dormirh/) wird aber lieber so ausgesprochen, wie es der Franzose gerne hört — so hat man mir erzählt. Was die ganze Sache weiter erschwert, ist der Sachverhalt, daß jeder Brasilianer diese vier „r“-Varianten anders ausspricht als sein Nachbar. Und schlimmer noch: Dieser „jeder Brasilianer“ spricht ein und dasselbe „r“-Wort an einem Tag so, am nächsten Tag dann wieder etwas anders aus. Deshalb glaube ich, daß zumindest in Brasilien das portugiesische „r“ in knapp 200 Millionen Varianten existiert — so viele Brasilianer gibt es nämlich.

[…]

Wer endlich einigermaßen begriffen hat, wie die portugiesische Aussprache funktioniert, der darf sich auf den nächsten Schritt beim Erlernen dieses bemerkenswerten Idioms stürzen: die portugiesische Grammatik. Und wer bislang schon der Meinung war, die Aussprache sei verdammt schwierig zu begreifen, der kennt die portugiesische Grammatik noch nicht. Hier kann man wahrhaft sagen: „Schlimmer konnte es nicht mehr kommen, doch es kam schlimmer.“ Denn gerade die portugiesische Grammatik hält die tollsten Überraschungen für den Wißbegierigen bereit.

Neulich rief ich wieder einmal in der Linguistischen Fakultät der Universität Coimbra an. Dieser Ort der Gelehrsamkeit ist das Heidelberg, Stanford oder Oxford Portugals und damit auch der portugiesischen Sprache. Ich wollte wissen, wann mit der Herausgabe des hundert Bände starken Werkes „Die Grammatik der portugiesischen Sprache: Eine erste Übersicht“ zu rechnen sei. Mein Gewährsmann mußte mich leider enttäuschen:

„Wir rechnen nicht damit, daß die Gesamtausgabe vor dem Jahre 2200 vorliegen wird. Momentan sind wir bei Band 57 angelangt. Allein zur Erklärung des ‚futuro imperfeito de conjunctivo‘“ — die Erklärung, was das ist, folgt sogleich — „sind sieben Bände veranschlagt und fünf Jahre harter Kopfarbeit.“

Diese enttäuschende Auskunft ließ mich fast verzweifeln. Wie wird es mir jemals gelingen, die Grammatik dieser romanischen Sprache in all ihren Verästelungen zu verstehen, wenn dieses monumentale Werk zu meinen Lebzeiten nicht in Druck gehen wird? Ich besitze lediglich eine 800seitige Portugiesischgrammatik, in der stark gekürzt nur die allernotwendigsten grammatikalischen Geheimnisse dieser schönen Sprache zusammengefaßt sind. Zu meinen Lieblingssätzen in diesem Buch gehören dann Formulierungen wie:

„Der Konjunktiv Futur I (futuro imperfeito de conjunctivo) hat keine direkte Entsprechung im Deutschen.“

Und auch keine in der englischen oder der spanischen Sprache, was den exotischen Reiz dieser Aussage noch erhöht. Aber die Sprache der größten Seefahrernation aller Zeiten — und das sind die Portugiesen, und nicht die Engländer — hat weitere verbale Leckerbissen anzubieten. Dazu gehören zweifelsohne die irregulären Zeitworte. Allen voran mit stolzgeschwellter Brust das Verb ir für gehen; die Ähnlichkeit mit der deutschen Wurzel „irr“ ist dabei rein zufällig. Jedenfalls versteigt sich dieses Zeitwort zu einer Unregelmäßigkeit der Konjugation wie sonst kaum ein anderes in irgendeiner mir bekannten Sprache. Nun heißt ir also wie gesagt gehen; ia ist daher nicht der Ausruf eines brasilianischen oder portugiesischen Esels, sondern das preterito imperfeito von ir und bedeutet auf Deutsch ungefähr: „Ich ging immer“ oder „ich ging häufig“ oder „ich ging für längere Zeit“. Ging ich freilich nur einmal wohin, dann muß ich sagen fui („ich war“), wenn ich allerdings vorhabe, in der Zukunft wohin zu gehen, mir aber noch nicht ganz sicher bin, ob das auch klappen wird, dann muß ich sagen vou ir (sinngemäß „ich werde wohl gehen“). Das ist aber schlechtes Portugiesisch und nur theoretisch möglich. Besser ist dann schon — vor allen Dingen, wenn mein Gang von einem Ort zum anderen gesichert ist — die Formulierung irei („ich werde gehen“). Sobald ich dagegen vielleicht gehen können werde (oder so was ähnliches…), ich aber eben nicht ganz sicher weiß, ob das auch hinhauen wird, dann tritt der weiter oben erwähnte futuro imperfeito de conjunctivo in Kraft, und ich muß for sagen. Das ist, wie an dieser Stelle nicht besonders hervorgehoben werden muß, kein Anglizismus, sondern bestes Portugiesisch. Wenn ich übrigens jetzt und in diesem Moment gehe, dann muß ich sagen vou („ich gehe“). Wobei auch dies kein niederbayerischer Kampfruf ist, sondern — wir ahnen es bereits…

Mein absoluter grammatikalischer Liebling ist freilich der bereits mehrfach erwähnte futuro imperfeito de conjunctivo: Es hat einen eigenen Reiz, wenn man bei der Konjugation portugiesischer Verben in dieser Zeitform immer wieder auf alte Bekannte aus anderen Sprachen stößt. For habe ich bereits erwähnt, aber auch das Wort vier haben wir alle schon einmal gehört. Freilich ist das keineswegs ein Zahlenwort, sondern der Konjunktiv Futur I des Verbs vir, das für „kommen“ steht. Mithin bedeutet vier auf Deutsch in etwa folgendes: Es wird eine Person kommen, sie ist sich dessen aber noch nicht ganz sicher. Andererseits: Um einen Vorgang zu beschreiben, für den man im Deutschen gleich einen ganzen Satz benötigt, reichen im Portugiesischen vier Buchstaben.

Vielleicht ein Beispiel aus dem richtigen Leben, um zu zeigen, wann man meinen grammatikalischen Liebling und Busenfreund einsetzt: Sobald ich in der großen Stadt an der weltberühmten Bucht bin, wohne ich bei Betty. Da sie eine Frau und noch dazu Brasilianerin ist, gehört einkaufen zu ihren absoluten Vorzugsbeschäftigungen. Wobei eigentlich der Begriff „einkaufen“ unpräzise ist. Richtiger wäre es, wenn man diese Tätigkeit wie folgt beschreibt: Man erweckt den Eindruck, einkaufen zu wollen, um auf diese Weise in zahlreichen Geschäften und Einkaufspassagen herumbummeln zu können. Die US-Amerikaner haben für diese schöne Beschäftigung das Wort browsing erfunden. Betty also „browst“ für ihr Leben gern. Das geht dann in etwa so: In einem Laden, in dem es alles mögliche zu kaufen gibt, sicher aber keine DVD-Spieler, wird gefragt:

„Haben Sie auch DVD-Spieler?“

Die Antwort lautet selbstverständlich Nein. Aber natürlich sind auch die Verkäuferinnen nicht auf den Kopf gefallen und bieten der angeblich Kaufinteressierten ein Produkt an, das diese gar nicht nachgefragt hat:

„Aber schauen Sie, das sind doch hübsche Tischdecken, nicht wahr?“ — „Ja, natürlich, wenn ich welche brauche, werde ich sie hier möglicherweise kaufen.“ Und das heißt auf Portugiesisch nun: „Cómo você quiser!“

Das war er jetzt, mein grammatikalischer Klassiker, der auf Deutsch, ins Unreine geschrieben, in etwa bedeutet: „Wie Sie mögen werden wollen“ — alles klar?

Hat unsereiner es nach unzähligen gescheiterten Versuchen endlich geschafft, aus dem wimmelnden Schwarm portugiesischer Worte das richtige herauszufischen, verlassen diese Worte auch in der angebrachten Reihenfolge unseren Mund, wobei wir auch noch die korrekte Ausspracheversion aller Buchstaben angewandt und diese vorschriftsmäßig betont haben, dann wird man manchmal sogar verstanden.

Natürlich nur, wenn man sich nicht in Gegenden aufhält, in denen Ausländer ungewohnte Wesen sind, muß ich gleich wieder einschränkend hinzufügen. Denn dort ist das Auftreten von gringos eine solche Rarität, daß die einheimische Bevölkerung dazu neigt, diese selbst dann nicht verstehen zu wollen, wenn sie passabel Portugiesisch sprechen. Sobald ein solch blaßhäutiger Exot auftaucht, beschließt der Einheimische bei sich:

„Das ist ein gringo. Der kann unmöglich Portugiesisch sprechen. Es ist also besser, ich höre überhaupt nicht hin, wenn er spricht. Ich werde sowieso kein Wort verstehen.“

Der verzweifelte Ausländer bricht sich die Zunge ab und rudert mit Händen und Füßen bei dem untauglichen Versuch, sein bestes Portugiesisch an den Mann oder die Frau zu bringen. Das Ergebnis wird nichts als Frustration sein. Denn der Entschluß seines hintersässigen Gesprächspartners bleibt unumstößlich: Egal, was er auch sagen mag, dieser gringo kann kein Wort meiner Sprache, es ist unmöglich, denn Sinn seiner Worte zu entschlüsseln.

Auch hier und zum Abschluß ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel. Es geschah in einer Apotheke ganz hinten im hintersten Winkel des Hinterlandes. Ich wollte einen Blutdrucksenker, Concor-Tabletten, bestellen:

„Können Sie mir Concor besorgen oder ein Generikum mit demselben Wirkstoff?“

Die angesprochene Dame sagt: „Natürlich. Ich werde es notieren.“ Sie füllt einen kleinen Bestellzettel aus. Ich schaue auf ihn. Es steht ein völlig anderes Wort drauf:
„Nein, nein. Das, was ich haben will, hat einen anderen Namen. Es heißt Concor. Der Wirkstoff ist Bisoprolol.“

„Ja, ja, ich habe schon verstanden. Auf diesen Zettel habe ich es aufgeschrieben. Sie können es bereits morgen abholen. Das geht schnell.“

„Sie verstehen mich nicht. Sie haben nicht Concor aufgeschrieben, sondern etwas ganz anderes. Außerdem habe ich das Gefühl, daß Sie gar nicht richtig zuhören.“

„Wie gesagt, das von Ihnen bestellte Produkt ist bereits morgen nachmittag da. Kein Problem.“

„So hat das keinen Sinn“, denke ich mir und frage die Verkäuferin: „Können Sie mir bitte das dicke Buch geben, in dem alle in Brasilien erhältlichen Medikamente aufgeführt sind? Ich werde nachschauen und Ihnen zeigen, was ich will.“

„Das ist aber nicht nötig, ich habe das Medikament doch schon notiert.“

Ich beginne nervös zu werden und bitte die Frau eindringlich: „Jetzt geben Sie mir schon das Buch. Was ist da denn dabei?! So kann ich Ihnen dann auch gleich sagen, wie ein eventuelles Generikum in Brasilien heißt.“

Jetzt wird auch die Apothekenangestellte etwas unwirsch:
„Warum wollen Sie denn in das Buch reinschauen? Das ist doch völlig überflüssig. Es steht doch bereits auf dem Bestellzettel, was Sie wollen.“

Sie hält mir den falsch ausgefüllten Papierfetzen vor die Nase. Ich transpiriere, mir wird heiß und kalt zugleich. […]
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Ende des Kapitelauszugs

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