Der phantastische Kontinent, Kap. II

Betrachtungen aus und über Lateinamerika

Auszug aus Kapitel II: „Gesellschaft und Politik in Lateinamerika“

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Die Identität der latinos ist neben der Nutzung der genannten von der Iberischen Halbinsel stammenden Idiome durch ein typisch zu nennendes Verhalten gekennzeichnet: Machismus, Familiensinn, Katholizismus. Dieses unterscheidet die lateinamerikanischen Gesellschaften von denjenigen anderer Kulturkreise. Bei der Zerstörung dieser zentralen identitätsstiftenden Komponenten sind die Ideologen der Welteinheitskultur bislang erfolgreicher gewesen als beim Versuch, die traditionellen Verkehrs- und Volkssprachen des Halbkontinents zu liquidieren.

Der Machismus ist zunächst einmal ein positiv besetzter Begriff, denn er bedeutet nichts anderes, als daß der Mann seine jahrtausendealte traditionelle Rolle als Ernährer und Schützer der Familie erfüllen muß. Erfüllt er diese Aufgabe, so sind die innerfamiliären Beziehungen in der Regel stabil und zerstörerische Ehekrisen selten. Um genau zu sein, wenn der Mann genügend Geld nach Hause bringt, der Ehefrau und den Kindern ein den Erwartungen entsprechendes Lebensniveau garantiert, sieht die Gattin keinen Grund, sich in unsichere Beziehungen oder das Risiko des Alleinerziehens zu stürzen. Feministische Parolen prallen an ihr ab.

Anders sieht es freilich aus, wenn der Mann die von ihm erwartete Rolle nicht spielen kann oder will, trotzdem aber die Privilegien einfordert, die daraus resultieren. Einfach gesagt, er bringt nicht das nötige Geld zusammen, will aber dennoch in seiner Pascharolle angenommen werden. Das ist die negative Seite des Machismus: Verantwortungslosigkeit, Untreue und aufgrund der dadurch entstehenden Probleme der Griff zur Flasche oder zu Drogen. Die unangenehme Seite des Machismus dient den Ideologen der westlichen „Werte“-Gemeinschaft als willkommenes Einfallstor, um die kulturelle Identität der Lateinamerikaner zu zerstören und sie auf diese Weise für die angestrebte Welteinheitskultur sturmreif zu schießen.

Auch der traditionelle Familiensinn der Iberoamerikaner ist den Apologeten der modernen Welt ein Dorn im Auge. Er wird schnell zum Objekt von Spott, Verleumdung und offenem Haß. Dazu gehört die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, ein seit unendlichen Zeiten bewährtes Prinzip, das mitverantwortlich für die Überlegenheit der Spezies Mensch anderen Großsäugern gegenüber ist. Oder auch Kinderliebe. Ein Verhalten, das linksliberalen Ideologen besonders unverständlich ist, denn Kinder stören angeblich beim Konsumieren. Dieses Gefühl für menschliche Wärme erweist sich nach wie vor als ziemlich stabile Barriere gegen die angestrebte Entsolidarisierung und totale Atomisierung der menschlichen Gesellschaft. Denn nur vereinzelt, isoliert lebende Menschen ohne soziales Umfeld können in der angestrebten Art und Weise beliebig manipuliert werden. Die zwischenmenschliche Solidarität im Rahmen der lateinamerikanischen Großfamilie ist identitätsstiftend und ermöglicht somit eine Immunisierung gegenüber den Bestrebungen, die Menschheit in der erwünschten Weise zu standardisieren. Die von den Ideologen der westlichen „Werte“-Gemeinschaft propagierte Stallaufzucht der Menschen, die in Form, Größe, Aussehen und Alltagsgewohnheiten streng kompatibel mit den von ihnen zu verbrauchenden Konsumartikeln zu sein haben, stößt hier an gewisse Grenzen.

Dennoch: Bedauerlicherweise beginnt sich die Gesellschaft des Subkontinents zu wandeln und in ihre Einzelteile aufzulösen. In Brasilien gibt es bereits sechs Millionen Einzelhaushalte, die Entsolidarisierung und Vereinzelung der Menschen schreitet schnell voran. Gerade in Metropolen wie São Paulo ist das Endziel linksliberaler Glückseligkeit schon bedenklich nahegerückt. Der homo sapiens als Nirgendwo-Wesen, dessen einzig erlaubte Funktion in der reibungslosen Bedienung der Kapitalinteressen besteht.

Eine beliebte Methode, um Identität und Selbstwertgefühl von Völkern, Nationen und Kulturkreisen zu zerstören, ist die Kriminalisierung ihrer Geschichte. Die Deutschen können davon bekanntlich ein garstig’ Lied singen. Aber auch die Spanier und Portugiesen, die jahrhundertelang ernsthafte Konkurrenten des britischen Imperialismus waren, sind Opfer dieser Vorgehensweise.

Noch heute wird beispielsweise in deutschen Schulbüchern unverdrossen über die ach so grausigen Verbrechen der von der Iberischen Halbinsel stammenden Konquistadoren an den indigenen Völkern Lateinamerikas schwadroniert, während der systematische Massenmord der Engländer und später der weißen US-Amerikaner an den Indianern keine Erwähnung findet. Inhaltliche Kritik an den angeblichen Erfindern von „freedom and democracy“ ist schließlich politisch nicht korrekt und damit de facto verboten.

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Conquistador

Natürlich war die Eroberung Lateinamerikas durch Spanier und Portugiesen von zahlreichen Massakern an der einheimischen Bevölkerung begleitet. Nur gibt es im Vergleich zum Vorgehen der angelsächsischen Menschenrechtsapostel einen großen Unterschied. Spanier und Portugiesen wollten die Indionationen unterwerfen, um sie ausbeuten zu können. Eine systematische Ausrottungspolitik wie in Nordamerika, um Platz für europäische Kolonisten zu schaffen, war dagegen nie das Ziel der iberischen Eroberer. Es mutet schon grotesk und aberwitzig an, wenn angesichts dieser unstrittigen historischen Tatsache ausgerechnet US-amerikanische Scheinheilige den Spaniern und Portugiesen den Völkermord vorwerfen, den sie selber begangen haben.

Und wer es immer noch nicht glaubt, wer hier die wirklich Bösen sind, dem sollten folgende Hinweise genügen. In Peru, Bolivien, Ekuador, Guatemala machen die Indiovölker numerisch die Mehrheit aus, in Mexiko, Kolumbien, Chile, Honduras, Nikaragua etc. stellen sie eine zahlenmäßig beachtliche Minderheit dar. In Peru, Bolivien und Paraguay, um nur drei Beispiele zu nennen, sind Indianersprachen neben dem Spanischen offizielle Amtssprachen. Man soll diese Tatsachen einmal mit den Verhältnissen in den USA oder Kanada vergleichen, dann wird sehr schnell deutlich, wo hier der Völkermord stattgefunden hat und wo nicht, wer hier ein schlechtes Gewissen haben und wer Wiedergutmachung leisten sollte und wer das viel weniger nötig hat.

Bei der Kriminalisierung der Geschichte der Lateinamerikaner dürfen natürlich die Militärdiktaturen nicht fehlen, die es in all diesen Ländern gab. Nur, von wem wurden diese denn eingesetzt? Von präzise den Leuten, die das heute heuchlerisch kritisieren: von den Repräsentanten des US-Imperialismus, sekundiert von ihren europäischen Hilfswilligen. Dieser Sachverhalt wird in den Ländern der Ersten Welt nur zu gerne vergessen, die Völker Lateinamerikas haben in dieser Hinsicht freilich ein gutes Gedächtnis. Der erhobene moralische Zeigefinger, mit dem die Gutmenschen der westlichen „Werte“-Gemeinschaft in diesem Zusammenhang in der Luft herumwedeln, wenn es um die angebliche Verletzung der Menschenrechte auf dem Subkontinent geht, könnte nicht deplazierter sein.

Religion gehört neben der Sprache, der gemeinsamen Herkunft und Geschichte sicher zu den zentralen identitätsstiftenden Komponenten der Völker. Der Katholizismus ist bzw. war die herkömmliche, die überlieferte Religion der Völker Lateinamerikas nach der Eroberung durch die Europäer. Die Machtzentrale dieser Weltreligion befindet sich in Rom, wo sie sich stets ein großes Ausmaß auch an staatlicher Unabhängigkeit sichern konnte. Damit waren die Katholiken an ihrem Wirkungsraum viel weniger Opfer machtpolitischer Zufälligkeiten als andere christliche Kirchen — von sonstigen Religionsgemeinschaften ganz zu schweigen. Ein bekanntes Beispiel: Während die evangelische Kirche im Dritten Reich zumeist rassistisch verbohrter argumentierte als die Nationalsozialisten selber, so war dies bei den Katholiken nie der Fall. Insofern ist den Protagonisten der Welteinheitskultur im Rahmen der westlichen „Werte“-Gemeinschaft die dominierende Rolle der katholischen Kirche in Lateinamerika ein großes Ärgernis. Sie steht ihrer Wahnvorstellung vom standardisierten Menschen im Wege, denn sie lehrt(e), daß der Sinn des Lebens nicht in der ununterbrochenen Anhäufung möglichst vieler materieller Produkte liegt, sondern daß es daneben und darüber hinaus noch andere, immaterielle Werte gibt.

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Ende des Kapitelauszugs

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