Der phantastische Kontinent, Kap. VIII

Betrachtungen aus und über Lateinamerika

Auszug aus Kapitel VIII: „Braucht Argentinien einen Psychoanalytiker?“

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In Buenos Aires existiert das Centro de Estudios Evolianos, das „Zentrum für evolianische Studien“, das ganz dem 1974 verstorbenen italienischen Kulturphilosophen und „magischen Idealisten“ Baron Julius Evola gewidmet ist. Dieser gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten Denkern des traditionalen Weges und damit zu den konsequentesten und profundesten Kritikern der modernen Welt und ihrer Gebrechen und Verbrechen.

Das Zentrum ist überaus rührig und nimmt, was die Herausgabe von Büchern und Schriften von und über Evola betrifft, in der gesamten spanischsprachigen Welt eine führende Position ein. Es veröffentlichte bislang nicht weniger als dreißig Werke zum Thema, dazu gibt es die Zeitschrift El Fortín („Kleines Fort“) heraus. Schließlich verfügt sie über einen eigenen Nachrichtendienst im Internet. Herausgeber der Publikationen und intellektueller Kopf der Vereinigung ist Marcos Ghio.

Marcos Ghio ist ein kleingewachsener, rundlicher Argentinier italienischer Abstammung. In seiner Wohnung, die unweit der Plaza Italia liegt, empfängt er mich inmitten unzähliger Bücher. Der Mann ist ein autonomer und überaus origineller Denker, wie man sie im Zeitalter der weltweiten Gleichschaltung der Gedanken immer seltener findet:

„Mitte nächsten Jahres veranstalten wir einen Kongreß in Lima. Dort werden wir über unsere Idee eines lateinamerikanischen Reiches mit der peruanischen Hauptstadt als Zentrum diskutieren.”

Das ist schon eine faszinierende Idee. Daß ausgerechnet die so nationalstolzen Argentinier einen solchen Vorschlag unterbreiten, beeindruckt mich stark und beweist ihre Ernsthaftigkeit. Und die Begründung, warum gerade Lima die neue Hauptstadt ganz Lateinamerikas werden soll, ist nicht weniger intelligent und durchdacht:

„Weil Peru und damit Lima eine lange imperiale Tradition besitzen. Zuerst war Lima die Hauptstadt des Inkareiches und danach die Residenz der spanischen Vizekönige in Amerika.“

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Inkamauer (Ausschnitt) in typischer Bauweise



Ghio bewundert den Islam und seine Verteidiger. Für die todesmutigen Glaubenskämpfer im Irak oder in Afghanistan empfindet er hohen Respekt. Allerdings ist er realistisch genug, um zu wissen, daß im christlich-abendländisch geprägten Teil der Welt die Etablierung eines muslimischen Staatswesens eine unerreichbare und letztlich auch nicht wünschenswerte Utopie ist:

„Die Errichtung eines auf traditionalen Prinzipien ruhenden Reiches in der westlichen Welt kann nur auf der Basis eines wiederhergestellten, authentischen Katholizismus erfolgen.“

Die letzte Veröffentlichung der Gruppe En la era del paria: Escritos Evolianos para los tiempos últimos („Im Zeitalter des Parias: Evolianische Schriften für die letzten Zeiten“) ist so interessant, daß ich auf einige Stellen etwas näher eingehen will. Das gut 200 Seiten umfassende Buch enthält u. a. Antworten auf Kritiken verschiedener politischer Strömungen, die diese in letzter Zeit an Evola und seinen Verteidigern geübt haben. Die Kritik an Evola aus linksliberaler Sicht verdient hier keine Erwähnung. Sie ist entweder primitive Hetze („Faschist“, „Rassist“) oder in der in diesen Kreisen sattsam bekannten Fäkalsprache verfaßt. Eine auch nur ansatzweise sachliche und geistige Auseinandersetzung mit dem Gedankengebäude des verstorbenen italienischen Denkers existiert von dieser Seite nicht.

An dieser Stelle sei mir eine persönliche Anmerkung erlaubt. Ich vermeide systematisch den Begriff „Linke“ oder „Marxisten“ für obige Personen. Unter der traditionellen Linken gab es durchaus intellektuell und menschlich anständige Leute, mit denen man diskutieren konnte. Diese Linken wurden freilich in den letzten Jahrzehnten von den Linksliberalen völlig an den Rand gedrängt und spielen keine Rolle mehr. Während also die marxistische Linke politisch-inhaltlich zu argumentieren versuchte, verleumden und hetzen die Linksliberalen auf unterstem und primitivstem Niveau gegen Andersdenkende, ohne auch nur den Versuch zu machen in der Sache selbst zu argumentieren. Sie wollen Menschen anderer politischer Ansichten auch nicht geistig überzeugen, sondern denken nur an deren existentielle und physische Vernichtung. Insofern grenzt es fast an eine Leichenschändung, wenn man diese von Haß zerfressenen Geisteskranken mit dem Titel „Marxisten“ oder „Linke“ bezeichnen würde.

Aber auch von „rechter“ Seite wird viel Falsches über das Denken Evolas in die Welt gesetzt. Freilich kann man sich bei diesen Leuten oft des Eindrucks nicht erwehren, daß sie die Schriften des Italieners entweder gar nicht gelesen oder schlicht nicht verstanden haben. Auch scheinen ihre Kenntnisse gering zu sein, was die tatsächliche Biographie Evolas betrifft. Anders kann ich mir Behauptungen wie die folgenden nicht erklären:

1.) Evola sei nicht nur ein faschistischer Autor gewesen, sondern einer der hauptsächlichen Berater Mussolinis. Er sei sozusagen die graue Eminenz der Faschisten gewesen.

Zur Erklärung, diese unsinnige Behauptung wird von „rechter“ Seite nicht etwa deshalb aufgestellt, um Evola zu verleumden, sondern im Gegenteil, um ihn als einen der Vordenker des Faschismus zu ehren. Marcos Ghio weist nun in der erwähnten Schrift darauf hin, daß Mussolini zu keinem Zeitpunkt auf den Rat Evolas gehört habe. Ja, es gab zwischen den beiden praktisch keine persönlichen Kontakte. Und das einzige Mal, als die beiden etwas intensiver miteinander sprachen, tat Mussolini genau das Gegenteil von dem, was ihm Evola angeraten hatte. 1943 nach der Befreiung des Duce durch deutsche Soldaten hatte Evola Mussolini vorgeschlagen, das Königtum in Italien nicht abzuschaffen. Er begründete seine Meinung damit, daß man ein Prinzip, das von Unwürdigen mißbraucht wurde, nicht selber abschaffen sollte. Statt dessen sollte man die Unwürdigen durch Würdigere ersetzen und das Prinzip des Königtums beibehalten. Mussolini hörte nicht auf Evola und gründete die Repubblica Sociale Italiano (RSI). Das weitere Schicksal der RSI und des Duce ist hinlänglich bekannt.

2.) Sein geistiger Rassismus sei im wesentlichen nichts anderes als der biologische Rassismus der Nationalsozialisten. Zu einem spirituellen Rassismus seien letztlich nur Indogermanen fähig.

Auch dies ist als „Lob“ gemeint. Dabei sagte Evola was ganz anderes: Die Tradition (in deren Rahmen sich Begriffe wie Rassismus des Geistes überhaupt erst manifestieren können) wurde nicht von einer Rasse, einem Volk oder einer Kultur geschaffen, sondern sie ist das gemeinsame Erbe der Menschheit. Allenfalls sei dieses Denken in dem einen Kulturkreis stärker, in dem anderen weniger stark ausgeprägt. Es bestehe aber kein Zusammenhang zwischen der Hautfarbe einer Person und ihrer Fähigkeit einer Rasse des Geistes anzugehören.

3.) Evola sei ein moderner Autor und Machiavellist gewesen.

Damit soll wohl die Aktualität des italienischen Kulturphilosophen unterstrichen werden. Der Hinweis auf Evolas angeblichen Machiavellismus hat zum Ziel das Gedankengebäude des Autors des Buches „Revolte gegen die moderne Welt“ so umzudeuten, daß es für die Praxis heutiger „rechter“ Politikansätze verwendbar wird. An dieser Stelle muß darauf hingewiesen werden, daß Machiavelli zusammen mit dem Engländer Thomas Hobbes einer der Vordenker des modernen Staates gewesen ist. Damit steht er bereits in fundamentalem Gegensatz zum Denken Evolas. Denn im Denken Machiavellis, diesem Techniker der Macht, der von der Kunst des Regierens redete, taucht gerade das nicht auf, was seinem späteren Landsmann ein Leben lang am wichtigsten war: die Idee und das sie bestimmende metaphysische Element.

Die falsche Rezeption evolianischen Denkens durch die europäische Rechte, egal ob sie absichtlich oder unabsichtlich erfolgte, zeigt einmal mehr: Evola eignet sich nicht als politisch-ideologischer Vordenker, als „Marcuse der Rechten“. Er kann nur den Weg derjenigen erleuchten, die mit der modernen Welt und ihren Perversionen endgültig gebrochen haben. Evola wollte zeitlebens keine Schüler. Er wußte warum.


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Ende des Kapitelauszugs

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