Wortlaut der Marburger Rede

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Der nachstehende Text ist dem Buch Die andere deutsche Revolution (2009) von Sebastian Maaß (S. 135–149) entnommen und folgt dem Wortlaut der gedruckten Veröffentlichung aus dem Juni 1934 (Berlin: Germania AG, 1934). — Die Marburger Rede wurde am 17. Juni 1934 vom deutschen Vizekanzler, Franz von Papen (1879–1969), an der Universität zu Marburg gehalten; als Verfasser der Rede gilt heute der Rechtsanwalt und konservative Politiker Edgar Julius Jung (1894–1934).

Jung bemühte sich, die Rede „mit ‚führerfreundlichen Floskeln‘ zu versehen“[1], um nicht im vorhinein alle Erfolgsaussichten zunichte zu machen. Denn aufgrund des friedlich verlaufenen Regierungswechsels vom 30. Januar 1933 und den mit ihm verbundenen Umwälzungen herrschte eine allgemeine Begeisterung vor, so daß „eine offene Kampfansage an den Nationalsozialismus kaum Erfolgschancen gehabt“[2] hätte.

Jung hielt die Rede „bewußt im Stile einer ‚Kritik von innen‘ […], um nicht in die Verlegenheit zu kommen, als staats- und führerfeindlich eingestuft zu werden“[3]. Dennoch war „Papens Marburger Rede […] die schärfste öffentliche Kritik, die der Nationalsozialismus je in Deutschland in solchem Umfange und solcher Wirkungsbreite von einem führenden Manne erfahren hat“[4].

Im Rückblick ist der 17. Juni 1934 „Symbol eines konservativen Widerstandes“[5]. Jung, der wenige Tage später erschossen wurde, hat mit seinem Leben für seine Überzeugung eingestanden.



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Am 21. Februar 1933, also in den stürmischen Tagen, da der Nationalsozialismus seine Herrschaft im Deutschen Reiche antrat, versuchte ich in einer Rede vor der Berliner Studentenschaft, den Sinn der Zeitenwende zu erläutern. Ich spräche — so führte ich damals aus — an einer Stelle, welche der Erforschung der Wahrheit und der geistigen Freiheit gewidmet sei. Damit wolle ich mich nicht zu den liberalen Vorstellungen von Wahrheit und Freiheit bekennen. Die letzte Wahrheit läge allein bei Gott, und das Forschen nach ihr erhielte nur von diesem Ausgangsstandpunkt her seinen letzten Sinn. An meine damaligen Ausführungen knüpfe ich heute, wo es mir wiederum vergönnt ist, auf akademischem Boden — in dem mittelalterlichen Juwel, in der Stadt der heiligen Elisabeth — zu stehen, an und füge hinzu, daß, mag auch das Ideal der objektiven Wahrheit unbestritten sein, die Pflicht zur subjektiven Wahrheit, also zur Wahrhaftigkeit, von uns Deutschen gefordert wird, wollen wir nicht auf die elementarste Grundlage menschlicher Gesittung verzichten. Diese der Wissenschaft gewidmete Stätte scheint mir deshalb als besonders geeignet, eine Rechenschaft der Wahrhaftigkeit vor dem deutschen Volke abzulegen. Denn die Stimmen, die fordern, daß ich grundsätzliche Stellung nähme zum deutschen Zeitgeschehen und zum deutschen Zustande, werden immer zahlreicher und drängender. Man sagt, ich hätte durch die Beseitigung des Weimarer Preußenregimes und durch die Zusammenfassung der nationalen Bewegung einen so entscheidenden Anteil an der deutschen Entwicklung genommen, daß mir die Pflicht obliege, diese Entwicklung schärfer zu beobachten als die meisten anderen Deutschen. Ich habe nicht die Absicht, mich dieser Pflicht zu entziehen. Im Gegenteil — meine innere Verpflichtung an Adolf Hitler und sein Werk ist so groß, und so sehr bin ich der in Angriff genommenen Erneuerung Deutschlands mit meinem Herzblut verbunden, daß es vom menschlichen wie vom staatsmännischen Gesichtspunkt aus eine Todsünde wäre, nicht das zu sagen, was in diesem entscheidenden Abschnitt der deutschen Revolution gesagt werden muß.

Das Geschehen der letzten anderthalb Jahre hat das ganze deutsche Volk erfaßt und in seinen Tiefen aufgewühlt. Fast wie ein Traum liegt es über uns, daß wir aus dem Tal der Trübsal, der Hoffnungslosigkeit, des Hasses und der Zerklüftung wieder zur Gemeinschaft der deutschen Nation zurückgefunden haben. Die ungeheueren Spannungen, in denen wir seit den Augusttagen 1914 gestanden, sind aufgebrochen, und aus ihnen erhebt sich wieder einmal die deutsche Seele, vor der die glorreiche und doch so schmerzhafte Geschichte unseres Volkes, von den Sagen der deutschen Helden bis zu den Schützengräben von Verdun, ja bis zu den Straßenkämpfen unserer Tage, vorüberzieht.

Der unbekannte Soldat des Weltkrieges, der mit hinreißender Energie und mit unerschütterlichem Glauben sich die Herzen seiner Volksgenossen eroberte, hat diese Seele frei gemacht. Mit seinem Feldmarschall hat er sich an die Spitze der Nation gestellt, um in dem deutschen Schicksalsbuch eine neue Seite aufzuschlagen und die geistige Einheit wiederherzustellen.

Diese Einheit des Geistes haben wir in dem Rausch von tausend Kundgebungen, Fahnen und Festen einer sich wiederfindenden Nation erlebt. Nun aber, da die Begeisterung verflacht, die zähe Arbeit an diesem Prozeß ihr Recht fordert, zeigt es sich, daß der Läuterungsprozeß von solch historischem Ausmaße auch Schlacken erzeugt, von denen er sich reinigen muß. Schlacken dieser Art gibt es in allen Bezirken unseres Lebens, in den materiellen und den geistigen. Das Ausland, das uns mit Mißgunst betrachtet, weist mit dem Finger auf diese Schlacken und deutet sie als einen ernsten Zersetzungsprozeß. Es möge sich nicht zu früh freuen, denn wenn wir die Energie aufbringen, uns von diesen Schlacken zu befreien, dann beweisen wir gerade damit am besten, wie stark wir innerlich sind und wie entschlossen, den Weg der deutschen Revolution nicht umfälschen zu lassen. Wir wissen, daß die Gerüchte und das Geraune aus dem Dunklen, in das sie sich flüchten, hervorgezogen werden müssen. Eine offene und männliche Aussprache frommt dem deutschen Volke mehr als beispielsweise der ventillose Zustand einer Presse, von welcher der Herr Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda festgestellt hat, daß sie „kein Gesicht mehr“ habe. Dieser Mangel besteht ohne Zweifel. Die Presse wäre ja eigentlich dazu da, die Regierung darüber zu unterrichten, wo sich die Mängel eingeschlichen haben, wo sich Korruption eingenistet hat, wo schwere Fehler gemacht werden, wo ungeeignete Männer am falschen Platze stehen, wo gegen den Geist der deutschen Revolution gesündigt wird. Ein anonymer oder geheimer Nachrichtendienst, mag er noch so trefflich organisiert sein, vermag nie diese Aufgabe der Presse zu ersetzen. Denn der Schriftleiter steht unter gesetzlicher und gewissenmäßiger Verantwortung, die anonymen Lieferanten von Nachrichten dagegen sind unkontrollierbar und der Gefahr des Byzantinismus ausgesetzt. Wenn aber die berufenen Organe der öffentlichen Meinung das geheimnisvolle Dunkel, welches zur Zeit über die deutsche Volksstimmung gebreitet scheint, nicht genügend lichten, so muß der Staatsmann selber eingreifen und die Dinge beim Namen nennen. Ein solches Vorgehen soll beweisen, daß die Regierung stark genug ist, anständige Kritik zu ertragen, daß sie sich des alten Grundsatzes erinnert, wonach nur Schwächlinge keine Kritik dulden.

Wenn das Ausland behauptet, in deutschen Landen sei die Freiheit gestorben, so soll es durch die Offenheit meiner Darlegungen darüber belehrt werden, daß die deutsche Regierung es sich leisten kann, von sich aus brennende Fragen der Nation zur Debatte zu stellen. Dieses Recht hierzu erwirbt sich allerdings nur, wer sich ohne Vorbehalte dem Nationalsozialismus und seinem Werke zur Verfügung gestellt und ihm seine Loyalität bewiesen hat. Diese einleitenden Worte waren nötig, um zu zeigen, in welchem Geiste ich an meine Aufgabe, rückhaltlose Rechenschaft über den deutschen Zustand und die deutschen Ziele abzulegen, herangehe. Nun lassen Sie mich kurz die Lage umreißen, wie ich sie vorfand, als das Schicksal mich für die Leitung der deutschen Geschicke mitverantwortlich machte.

Die staatlichen Autoritäten standen im Verfall und vermochten der Auflösung aller natürlichen und von Gott gewollten Verbindungen nicht zu steuern. Der Mangel an Führung und Tatkraft hatte einen Grad erreicht, der im deutschen Volke den Wunsch nach einer festen Hand immer stärker werden ließ. Die Opposition der Frontgeneration und der Jugend war unwiderstehlich geworden. Der allgemeinen Parteienzerklüftung entsprach das Umsichgreifen einer verhängnisvollen Mutlosigkeit. Die Arbeitslosigkeit wuchs und mit ihr der soziale Radikalismus. Daß diesen Übeln nicht mit kleinen Mitteln zu begegnen sei, sondern durch einen geistigen und politischen Umschwung, sahen nicht nur die rechtsstehenden Gruppen des deutschen Volkes, vor allen Dingen die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, sondern war die allgemeine Ansicht der parteimäßig nicht gebundenen Besten unseres Volkes. Die Umwertung aller Werte, wie Nietzsche sagt, war gerade geistig vorbereitet worden, und es ist deshalb ein Unrecht, wenn der berechtigte Kampf gegen einen gewissen „Intellektualismus“ heute in einen solchen gegen den „Geist“ überhaupt umgemünzt wird. Die geschichtliche Wahrheit ist, daß die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Kurswechsels auch von solchen Menschen anerkannt und betrieben wurde, die den Weg des Umschwungs über eine Massenpartei scheuten. Ein Anspruch auf ein revolutionäres oder nationales Monopol für bestimmte Gruppen erscheint mir deshalb als übersteigert, ganz abgesehen davon, daß er die Volksgemeinschaft stört.

Ich habe am 17. März 1933 in Breslau darauf hingewiesen, daß sich in den Nachkriegsjahren eine Art von konservativ-revolutionärer Bewegung entwickelt hat, die sich vom Nationalsozialismus wesentlich nur durch die Taktik unterschied. Da die deutsche Revolution gegen die Demokratisierung und ihre verhängnisvollen Folgen kämpfte, so lehnte der neue Konservativismus folgerichtig jede weitere Demokratisierung ab und glaubte an die Möglichkeit des Ausschaltens pluralistischer Kräfte von oben. Der Nationalsozialismus dagegen ging zunächst den Weg der Demokratie zu Ende, um dann vor der allerdings nicht leichten Frage zu stehen, wie die Ideen der unbedingten Führung, der restlosen Autorität, des aristokratischen Ausleseprinzips und der organischen Volksordnung zu verwirklichen seien. Die Geschichte hat der nationalsozialistischen Taktik recht gegeben, eine Erkenntnis, welche die konservativen Staatsmänner zum Bündnis mit der nationalsozialistischen Bewegung in jenen Stunden zu Beginn des Jahres 1933 veranlaßte.

Auf diesen Tatbestand muß verwiesen werden, wenn allzu eifrige, manchmal sogar allzu jugendliche Revolutionäre mit dem Schlagwort „reaktionär“ auch diejenigen abtun wollen, die sich in vollem Bewußtsein der Aufgabe unterzogen, welche die Zeit an sie stellte. Denn für den echten Politiker sind nur folgende Grundhaltungen möglich: Er kann die Notwendigkeiten der Zeit verkennen, und an diesem Mangel scheitern; er kann sich dem Zuge der Zeit entgegenstemmen und deshalb unterliegen; er kann sich aber auch zum Vorkämpfer dessen machen, was unerbittlich getan werden muß und so das Gebot der Geschichte erfüllen. Wer diese Haltung angenommen hat, ist über hohle Schlagworte erhaben, insbesondere über das der Reaktion, welches übrigens verdächtig an die Gott sei Dank überwundenen marxistischen Zeitläufte erinnert.

Außerdem muß sich der Staatsmann noch über ein zweites Erfordernis klar werden, nämlich darüber, daß eine Zeitenwende zwar eine totale ist, also alle Lebensäußerungen und Lebensumstände erfaßt und verändert; daß aber vor diesem gewaltigen Hintergrund das politische Geschehen des Vordergrunds sich abspielt, auf welches allein der Begriff der Politik angewandt werden darf. Der Staatsmann und Politiker kann den Staat reformieren, aber nicht das Leben selbst. Die Aufgaben des Lebensreformators und des Politikers sind grundverschiedene. Aus dieser Erkenntnis heraus hat der Führer in seinem Werk „Mein Kampf“ erklärt, die Aufgabe der Bewegung sei nicht die einer religiösen Reformation, sondern die einer politischen Reorganisation unseres Volkes. Die Zeitenwende als totaler Begriff entzieht sich deshalb bis zu einem gewissen Grade der staatlichen Formung. Nicht alles Leben kann organisiert werden, weil man es sonst mechanisiert. Der Staat ist Organisation, das Leben ist Wachstum. Gewiß bestehen zwischen dem Leben und der Organisation Beziehungen und Wechselwirkungen, sie haben aber Grenzen, die ohne Gefahr für das Leben nicht überschritten werden dürfen. Denn gerade darin besteht das Wesen einer Revolution, daß der lebendige Geist gegen die Mechanik anrennt. Der Bolschewismus ist deshalb nicht die wirkliche Revolution des 20. Jahrhunderts, sondern ein Sklavenaufstand, der die endgültige Mechanisierung des Lebens herbeiführen möchte. Die wahre Revolution des 20. Jahrhunderts — so führte ich schon in meiner Berliner Universitätsrede aus — ist die der heroischen und gottverbundenen Persönlichkeit gegen unlebendige Fesselung, gegen Unterdrückung des göttlichen Funkens, gegen Mechanisierung und Kollektivierung, die nichts anderes ist als letzte Entartung des bürgerlichen Liberalismus. Kollektivismus ist der Individualismus der Masse, die nicht mehr das Ganze, sondern nur noch sich selber will.

Wie ein neues Zeitgefühl in einem Volke entsteht und wächst, darüber weiß zumeist der sehr wenig, der selber an einer Wende steht. Er macht es sich nicht leicht, ihren Sinn zu begreifen. Aber soviel wissen wir aus der Geschichte, daß eine Revolution gewissermaßen nur der politische Stempel auf eine von der Geschichte vorgelegte Urkunde ist. Der neue Mensch, als das Ergebnis einer Zeitenwende, wächst; der Staat dagegen muß von der menschlichen Vernunft gestaltet werden. Wohl formt der Staat auch den Menschen, es wäre aber eine Illusion, wollte man annehmen, daß die grundsätzliche Änderung des menschlichen Wertgefühls vom Staat aus gemacht werden könnte. So kann der Staat wohl eine Geschichtsauffassung begünstigen und um ihre Vereinheitlichung besorgt sein. Aber er kann sie nicht kommandieren. Entspringt sie doch der Weltanschauung, die jenseits des Staatlichen wurzelt. Sie fußt auch auf exakter Forschung, deren Mißachtung sich immer rächt. Wenn ich an das Problem der Geschichtsdeutung für die Gegenwart denke, so erinnere ich mich mit Vergnügen der Frage, die mein Geschichtsprofessor an mich zu richten pflegte: „Wie hätte sich die deutsche Geschichte entwickelt, wenn Friedrich der Große Maria Theresia geheiratet hätte?“

Der Sinn der Zeitenwende ist klar: Es geht um die Entscheidung zwischen dem gläubigen und dem ungläubigen Menschen, es geht darum, ob alle ewigen Werte verweltlicht werden sollen oder nicht, ob der Vorgang der Säkularisation, der Entheiligung, wie er vor einigen Jahrhunderten einsetzte, zur Entgöttlichung des Menschengeistes und damit zum Zerfall jeglicher Kultur führt, oder ob der Glaube an die Transzendenz und die ewige Weltordnung wieder das Fühlen, Denken und Handeln der Menschen grundlegend bestimmt. Auf diesem geschichtlichen Hintergrund vollzieht sich das politische Geschehen auch der deutschen Revolution. Der Staatsmann hat die Aufgabe, morsche Formen und zerfallene Werte abzuschreiben, die nach neuem Leben drängenden ewigen Werte in ihrem Wachstum zu fördern, sie der staatsschöpferischen Gestaltung zugrunde zu legen.

War die liberale Revolution von 1789 die Revolution des Nationalismus gegen die religio, gegen die Bindung, so kann die Gegenrevolution, die sich nun im 20. Jahrhundert vollzieht, nur eine konservative in dem Sinne sein, als sie nicht rationalisiert und auflöst, sondern alles Leben wieder unter die natürlichen Gesetze der Schöpfung stellt. Dies ist wohl der Grund, weshalb auch der Kulturleiter der NSDAP, Alfred Rosenberg, in Königsberg von einer konservativen Revolution sprach.

Daraus ergeben sich auf politischem Gebiet folgende klare Folgerungen: Die Zeit der Emanzipation des jeweils niedrigsten Standes gegen die höheren Stände ist vorüber. Dabei geht es nicht darum, einen Stand niederzuhalten — das wäre reaktionär —, sondern zu verhindern, daß ein Stand aufsteht, sich des Staates bemächtigt und für sich den Totalitätsanspruch erhebt. Jede natürliche und göttliche Ordnung muß so verlorengehen, es droht die Revolution in Permanenz. Der Staat ist vielmehr die Herrschaftsmitte des Volksganzen, in welchem jeder Stand biologisch ausgegliedert wird und jeder einzelne durch natürliche Auslese an seinem Platze steht. Wahre Herrschaft aber umfaßt das Volksganze und drängt jeden Sonderanspruch irgendeines Standes oder einer Klasse zurück. Ziel der deutschen Revolution, wenn sie für Europa gültig und vorbildlich sein will, muß deshalb die Begründung einer natürlichen sozialen Ordnung sein, die dem unablässigen Kampf um die Herrschaft ein Ende macht. Wahre Herrschaft kann nicht von einem Stand oder einer Klasse hergeleitet werden.

In diese Klassenherrschaft aber ist noch immer das Prinzip der Volkssouveränität gemündet. Deshalb kann eine anti-demokratische Revolution nur dann zu Ende gedacht werden, wenn sie mit dem Grundsatz der Volkssouveränität bricht und wieder zu dem der natürlichen und göttlichen Herrschaft zurückkehrt. Damit darf nicht etwa die Entrechtung des Volkes verwechselt werden.

Aus der Demokratie kann eine anonyme Tyrannis werden, während aus echter verantwortlicher Herrschaft niemals die Vernichtung der Volksfreiheit hergeleitet werden kann.

Ich weiß, wie sehr der Führer wünscht, daß im Volke das Gefühl für echte, verantwortliche, gerechte Herrschaft lebendig bleibt. Deshalb meine ich, wird der deutsche Staat dermaleinst seine Krönung in einer Staatsspitze finden, die ein- für allemal den politischen Kämpfen, der Demagogie und dem Streit der wirtschaftlichen und ständischen Interessen entrückt ist.

Neben dem Erfordernis eines Herrschaftsprinzips aus höherer Verantwortung und überpersönlicher Dauer steht — sich gegenseitig bedingend — die Notwendigkeit der Stiftung einer neuen sozialen Ordnung. Das Gefühl ihrer Notwendigkeit bewegt alle europäischen Völker, welche die gewaltigen Veränderungen der Industrialisierung, der Verstädterung, der Technisierung und der Kapitalisierung durchgemacht haben. Daß diese Sehnsucht nach sozialer Neuordnung insbesondere im Faschismus und Nationalsozialismus lebt, braucht nicht besonders betont zu werden. Andererseits aber erkennen wir, wie ungemein schwierig es ist, Masse, die den Zusammenhang mit Blut und Boden verlor, wieder in Volk zurückzuverwandeln, da doch die gesunden ständischen Bindungen und Rangordnungen im liberalen Zeitalter verlorengegangen sind. Der Nationalsozialismus legt deshalb entscheidenden Wert darauf, die Seele dieser Massen zunächst für Volk und Staat zurückzugewinnen. Dies geschieht in der Hauptsache durch Erziehung, Zucht und Propaganda. Das nationalsozialistische System erfüllt somit zunächst die Aufgabe, zu welcher der Parlamentarismus zu schwach geworden war: den unmittelbaren Kontakt mit den Massen wieder herzustellen. Es ist so eine Art von direkter Demokratie entstanden, der es gelungen ist, die dem Staat entgleitenden Massen wieder zu gewinnen. Hinter dieser zeitbedingten Notwendigkeit steht aber als revolutionäres Ziel ein viel größeres: die Stiftung einer sozia­len Ordnung, die auf gemeingültigen organischen Formen beruht und nicht nur auf einer geschickten Beherrschung der Masse. Während die Französische Revolution im Parlament und im allgemeinen Wahlrecht grundlegende Formen schuf, muß es das Ziel der konservativen Revolutionen sein, durch organisch ständischen Aufbau zu solch allgemeinen gültigen Prinzipien vorzustoßen. Die Vorherrschaft einer einzigen Partei an Stelle des mit Recht verschwundenen Mehr-Parteiensystems erscheint mir geschichtlich als ein Übergangszustand, der nur so lange Berechtigung hat, als es die Sicherung des Umbruchs verlangt und bis die neue personelle Auslese in Funktion tritt.

Denn die Logik der antiliberalen Entwicklung verlangt das Prinzip einer organischen politischen Willensbildung, die auf Freiwilligkeit aller Volksteile beruht. Nur organische Bindungen überwinden die Partei und schaffen jene freiheitliche Volksgemeinschaft, die am Ende dieser Revolution stehen muß.

Eine weitere entscheidende Tatsache dieser Revolution des 20. Jahrhunderts ist das Ende des Kosmopolitismus, der nichts ist als die Frucht der liberalen Vorstellung von der alles beherrschenden Macht der Weltwirtschaft. Demgegenüber steht das völkische Erwachen, jene fast metaphysische Rückbesinnung auf die eigenen Blutsquellen, die geistigen Wurzeln, die gemeinsame Geschichte und den Lebensraum. Erst heute entwickeln wir wieder jenes gesunde Gefühl für die geschichtliche Einheit von Körper und Seele, von Sprache und Sitte, die ihrem Wesen nach außerstaatlich und als Gegenpol zum Staate notwendig ist. Während in der Nationaldemokratie Volkstum und Staat in eins zusammenfließen, begreifen wir jetzt wieder die fruchtbare Spannung zwischen Volk und Staat, aus der heraus dem Staate jene Kräfte zugeführt werden, ohne die er zum leeren Mechanismus wird. Deshalb ist auch völkisches Bewußtsein etwas anderes als der nationalstaatlich empfundene Nationalismus. Während dieser zur Abschließung der Völker voneinander, zu gegenseitiger Zerfleischung und damit zur Balkanisierung Europas führt, hat das gestärkte völkische Bewußtsein die Tendenz, die Heiligkeit aller Volkstümer anzuerkennen. Das völkische Erwachen macht somit die Bahn frei für übervölkische Zusammenarbeit.

Ich habe in Dortmund bereits darauf hingewiesen, daß die moderne Technik die Schaffung wirtschaftlicher Großräume verlange; daß das von den überseeischen Kontinenten unter schärfsten Wettbewerb genommene Europa seinen Lebensstandard nur dann notdürftig erhalten könne, wenn gewissermaßen die europäischen Gesamtunkosten geringer werden. Der Weg zu dieser Bildung wirtschaftlicher Großräume, wie sie vom Zeitalter des Flugzeugs und des Kraftwagens verlangt werden, führt über jene Heiligung der Volkstümer und über die Vorstellung von großstaatlichen Zusammenschlüssen, welche die Volkstümer unberührt und ungekränkt lassen. Dazu gehört aber die freiwillige Preisgabe eines Staatstotalismus, der kein gewachsenes Eigenleben anerkennt. Dazu gehört vor allem die Einsicht in das Wesen des Herrschaftsstaates, der zwar nichts zuläßt, was gegen den Staat angeht, aber auch nicht beansprucht, daß alles durch den Staat geschehe.

Bei der Entwicklung dieses Zielbildes der deutschen Revolution bin ich mitten in die Problematik der gegenwärtigen Lage geraten, der ich getreu meinen einleitenden Worten nicht aus dem Wege gehen möchte. Die Frage, die als Grundproblem der Zeitenwende von mir aufgeworfen wurde, die Scheidung in gläubige und ungläubige Menschen, berührt die Auseinandersetzung um die Staatsauffassung. Ein Staat muß sich entscheiden, ob er religiös oder weltlich sein will. Die geschichtliche Logik verlangt, daß auf den liberalen, weltlichen Staat von 1789 der religiös fundierte Staat der deutschen Gegenrevolution folge. Man soll aber den religiösen Staat, der sich auf ein lebendiges Gottesbekenntnis stützt, nicht etwa verwechseln mit einem verweltlichten Staat, in dem diesseitige Werte an Stelle des Jenseitsglaubens gesetzt und mit religiösen Ehren verbrämt werden. Auch hier gilt ein Wort des Führers aus dem Werk „Mein Kampf“, wo er schreibt: „Ich stehe nicht an zu erklären, daß ich in den Männern, die heute die völkische Bewegung in die Krise religiöser Streitigkeiten hineinziehen, schlimmere Feinde meines Volkes sehe als in dem nächstbesten international eingestellten Kommunisten.“ Gewiß ist die äußere Achtung vor dem religiösen Bekenntnis ein Fortschritt gegenüber jener ehrfurchtslosen Haltung, wie sie ein entarteter Rationalismus zeitigte. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß wirkliche Religion die Bindung an Gott und nicht an jene Ersatzmittel ist, die gerade durch die materialistische Geschichtsauffassung eines Karl Marx in das Bewußtsein der Völker eingeführt worden sind. Wenn nun weite Kreise, gerade aus dem Gesichtspunkt des totalen Staates und der restlosen Einschmelzung des Volkes heraus, eine einheitliche Glaubensgrundlage fordern, so sollten sie nicht vergessen, daß wir glücklich sein müssen, eine solche Grundlage im Christentum zu besitzen. Sie sollten sich auch überlegen, ob die behauptete Krise des Christentums nicht — wie häufig behauptet wird — Folge der Überheblichkeit oder der Unlebendigkeit der christlichen Heilswahrheit ist, sondern ob nicht vielleicht den rationalisierten und liberalisierten Menschen weitgehend die innere Fähigkeit, das Mysterium Christi zu erfassen, abhanden gekommen ist. Ich bin der Überzeugung, daß die christliche Lehre schlechthin die religiöse Form alles abendländischen Denkens darstellt, und daß mit dem Wiedererwachen der religiösen Kräfte eine neue Durchdringung auch des deutschen Volkes mit christlichem Gute stattfindet, dessen letzte Tiefe eine durch das 19. Jahrhundert gegangene Menschheit kaum mehr erahnt. Um diese Entscheidung, ob das neue Reich der Deutschen christlich sein wird oder sich in Sektierertum und halbreligiösem Materialismus verliert, wird gerungen werden. Sie wird einfach sein, wenn alle Versuche, sie von der Staatsgewalt her in Richtung einer gewaltsamen Reformation zu beeinflussen, unterbleiben. Es ist zuzugeben, daß in dem Widerstand christlicher Kreise gegen staatliche oder parteiliche Eingriffe in die Kirche ein politisches Moment liegt. Aber nur deshalb, weil politische Eingriffe in den religiösen Bezirk die Betroffenen zwingen, aus religiösen Gründen den auf diesem Gebiet widernatürlichen Totalitätsanspruch abzulehnen. Auch als Katholik habe ich Verständnis dafür, daß eine auf Gewissensfreiheit aufgebaute religiöse Überzeugung es ablehnt, sich von der Politik her im Ureigensten kommandieren zu lassen. Man soll sich deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, daß etwa aufgezwungene Glaubenskämpfe Kräfte auslösen würden, an denen auch Gewalt scheitern muß. Man sollte auch in jenen Kreisen, die eine neue, arteigene religiöse Einigung erhoffen, sich einmal die Frage stellen, wie sie sich die Erfüllung der deutschen Aufgabe in Europa vorstellen, wenn wir uns freiwillig aus der Reihe der christlichen Völker ausschalten. Jedes Wirken in den europäischen Raum hinein erscheint mir unter solchen Voraussetzungen als unmöglich. Die Tatsache einer gemeinsamen europäischen Kultur und Zivilisation, für die wir selbst soviel beigesteuert haben, verpflichtet trotz aller völkischen Besonderheit der einzelnen Kulturleistung. Wir dürfen uns nicht geistig an den Grenzen abschließen und uns freiwillig in ein Ghetto begeben. Hier liegt die wirkliche Reaktion, das Sichverschließen gegenüber der geschichtlichen Notwendigkeit und der Sendung eines Volkes, das, wenn es ein wirklich großes Volk war, noch immer den Gedanken des Reiches pflegte. Der alte Zwiespalt zwischen Welf und Waibling, der sich durch die ganze deutsche Geschichte hinzieht, wird wieder lebendig und fordert eine Entscheidung.

Wer darüber unterrichtet ist, was sich in Europa heute in den besten Köpfen und den edelsten Seelen vollzieht, der fühlt förmlich, wie eine neue Ghibellinen-Partei in Europa zu keimen beginnt, die in sich das Ideal jenes aristokratischen Grundgedankens der Natur trägt, von dem der Führer spricht, und die getrieben wird von der Sehnsucht nach einem glücklichen Erdteil. Erneuerer sein heißt, über die zeitlichen Vorteile und Vorurteile hinwegblicken, nach jenen ewigen Ordnungen streben, die zu allen Zeiten und bei allen Nationen in der Sehnsucht der Besten lebte.

Es hat keinen Zweck, vor sich selber zu verbergen, daß eine gewisse Kluft zwischen dem geistigen Wollen und der täglichen Praxis der deutschen Revolution sich aufgetan hat. Das ist auch nicht erstaunlich! Um dieser Gefahr zu begegnen, soll man sich die Frage nach den Ursachen dieses Zustandes vorlegen. Sie sind darin zu suchen, daß in der deutschen Revolution — wie dies häufig in der Geschichte der Fall ist — die geistige Umkehr mit einem sozialen Umbruch zusammentrifft. Die geistige Umkehr strebt nach dem erwähnten aristokratischen Grundgedanken der Natur, der soziale Umbruch dagegen läuft Gefahr, bis zu einem gewissen Grade von jener Dynamik beeinflußt zu werden, welche seinerzeit schon politisch den Marxismus trug. In einer solchen Lage steht die Führung vor einer ungeheuren Aufgabe, deren Lösung den ganzen schweren und großen Entschluß des wahren Staatsmannes erfordert. Diese Aufgabe hat für eine ähnliche geschichtliche Situation Konrad Ferdinand Meyer in seiner meisterhaften Novelle „Die Versuchung des Pescara“ erschöpfend umschrieben, wenn er Martin Luthers Stellung zu den Bauernkriegen folgendermaßen umreißt: „Ein weltbewegender Mensch hat zwei Ämter: er vollzieht, was die Zeit erfordert, dann aber — und das ist ein schweres Amt — steht er wie ein Gigant gegen den aufspritzenden Gischt des Jahrhunderts und schleudert hinter sich die aufgeregten Massen und bösen Buben, die mittun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend.“

Daß dieses gewaltige Amt, das zu allen Zeiten dem Revolutionär aufgegeben ist, noch auszuüben ist, wird nicht verkannt. Die Führung wird darüber zu wachen haben, daß kein neuer Klassenkampf unter anderen Feldzeichen sich wiederholt. Sie will das Volksganze und lehnt es deshalb bei aller Anerkennung nationaler Verdienste ab, das Volk für alle Zeiten in eine bevorrechtete Klasse und in eine solche minderen Rechts einzuteilen. Eine solche Haltung entspräche nicht dem fast hundertprozentigen Bekenntnis des deutschen Volkes vom 12. November 1933 zur neuen Staatsführung.

Zwar ist es selbstverständlich, daß die Träger des revolutionären Prinzips zunächst auch die Machtpositionen besetzen. Ist aber eine Revolution vollzogen, so repräsentiert die Regierung nur die Volksgesamtheit, niemals aber ist sie Exponent einzelner Gruppen; sie müßte sonst bei der Bildung der Volksgemeinschaft scheitern. Dabei muß man auch mit falschen romantischen Vorstellungen brechen, die in das 20. Jahrhundert nicht passen. So können wir nicht daran denken, die Einteilung des Volkes nach altgriechischem Muster in Spartiaten und Heloten zu wiederholen. Am Ende einer solchen Entwicklung hatten die Spartiaten nichts zu tun, als die Heloten niederzuhalten, wodurch die außenpolitische Kraft Spartas geschwächt wurde. Im Staate der wahren Volksgemeinschaft muß endlich einmal der innenpolitische Schlachtruf verstummen. Gewiß muß es eine Auslese geben. Aber das natürliche Ausgliederungs- und Ausleseprinzip ist nicht durch das Bekenntnis zu einer bestimmten Formation zu ersetzen, solange die Motive dieses Bekenntnisses unerforschbar bleiben. Darum hat der Nationalsozialismus immer dafür gekämpft, das Parteibuch durch menschliche Bewährung und Leistung abzulösen. Andererseits ist Adel nicht nur ein Bluts-, sondern auch ein geistiges Prinzip. Es geht deshalb nicht an, den Geist mit dem Schlagwort Intellektualismus abzutun. Mangelnder oder primitiver Intellekt berechtigen noch nicht zum Kampf gegen Intellektualismus. Und wenn wir uns heute manchmal über 150prozentige Nationalsozialisten beklagen, dann sind es solche Intellektuellen ohne Boden, solche, die Wissenschaftlern von Weltruf ihre Existenz bestreiten möchten, weil sie kein Parteibuch besitzen. Der im Wesen und im Blute wurzelnde Geist aber ist charaktervoll, unbestechlich, der Erkenntnis und dem Gewissen verhaftet. Ihm gilt unter allen Umständen die Achtung der Nation, weil sie eine Sünde wider die Schöpfung begeht und sich selbst verleugnet, wenn sie den Geist verneint. Hüten wir uns vor der Gefahr, die geistigen Menschen von der Nation auszuschließen, und seien wir des Umstandes eingedenk, daß alles Große aus dem Geiste kommt, auch in der Politik. Man wende auch nicht ein, die geistigen Menschen entbehrten der Vitalität, ohne die ein Volk nicht geführt werden könne. Der wahre Geist ist so lebenskräftig, daß er sich für seine Überzeugung opfert. Die Verwechslung von Vitalität mit Brutalität würde eine Anbetung der Gewalt verraten, die für ein Volk gefährlich wäre.

Übelster Intellektualismus ist allerdings die Herrschaft des Schlagwortes. Da gibt es grundliberale Leute, die keinen Satz aussprechen, ohne das Wort liberalistisch zu mißbrauchen. Sie meinen, die echte Humanität wäre liberalistisch, wo sie doch in Wahrheit eine Blüte der antik-christlichen Kultur ist. Sie bezeichnen die Freiheit als liberalen Begriff, wo sie doch in Wahrheit urgermanisch ist. Sie gehen an gegen die Gleichheit vor dem Richter, die als liberale Entartung angeprangert wird, wo sie doch in Wirklichkeit die Voraussetzung jeden gerechten Spruches ist. Diese Leute unterdrücken jenes Fundament des Staates, das noch allezeit, nicht nur in liberalen Zeiten, Gerechtigkeit hieß. Ihre Angriffe richten sich gegen die Sicherheit und Freiheit der privaten Lebenssphäre, die sich der deutsche Mensch in Jahrhunderten schwerster Kämpfe errungen hat.

Auch der Satz „Männer machen Geschichte“ wird häufig mißverstanden. Mit Recht wendet sich deshalb die Reichsregierung gegen einen falschen Personenkult, der das Unpreußischste ist, was man sich nur vorstellen kann. Große Männer werden nicht durch Propaganda gemacht, sondern wachsen durch ihre Taten und werden anerkannt von der Geschichte. Auch Byzantinismus kann über diese Gesetze nicht hinwegtäuschen. Wer deshalb von Preußentum spricht, soll zunächst an stillen und unpersönlichen Dienst, aber erst zuletzt, am besten gar nicht, an Lohn und Anerkennung denken.

Die Erziehung eines Volkes zum Dienst am Staate ist ein selbstverständliches Gebot und muß um so härter einsetzen, je lässiger sie von dem Weimarer Regime gepflegt wurde. Aber man soll sich über die biologischen und psychologischen Grenzen der Erziehung nichts vormachen. Auch der Zwang endet an dem Selbstbehauptungswillen der echten Persönlichkeit. Gefährlich sind die Reaktionen auf den Zwang. Als alter Soldat weiß ich, daß straffste Disziplin durch gewisse Freiheiten ergänzt werden muß. Auch der gute Soldat, der sich mit Freude bedingungslosem Gehorsam unterwarf, zählte die Tage seiner Dienstzeit, weil das Freiheitsbedürfnis der menschlichen Natur eingewurzelt ist. Die Anwendung militärischer Disziplin auf das Gesamtleben eines Volkes muß sich deshalb in Grenzen halten, die der menschlichen Anlage nicht zuwiderlaufen. Jeder Mensch braucht Stunden, in denen er der Familie, der Erholung oder sich selbst gehört. In dieser Erkenntnis hat der Reichsunterrichtsminister verfügt, den Sonntag wieder zu einem Tag zu machen, welcher der Kirche und der Familie gehört. Verwerflich aber wäre der Glaube, ein Volk gar mit Terror einen zu können. Die Regierung wird dahin laufenden Versuchen begegnen, denn sie weiß, daß jeder Terror Ausfluß eines bösen Gewissens ist, das ungefähr der schlechteste Berater ist, den sich die Führung erlauben darf. Die wahre Erziehung, die immer Zucht ist, kann nur aus sittlichen Grundsätzen hergeleitet werden. Wahrhaft sittliche Grundsätze vermag aber nur der Glaube an eine höhere Weltordnung zu vermitteln. Vaterlandsliebe, Opferwillen und Hingabe sind nur dann von Bestand, wenn sie als göttliches Gebot im Einzelmenschen wurzeln.

Wir dürfen uns deshalb nicht in den Bann des polemischen Schlagwortes vom Einzelnen, der nichts bedeutet, begeben. Der Führer fordert von seiner Bewegung, „daß sie nie zu vergessen habe, daß im persönlichen Wert der Wert alles Menschlichen liege, daß jede Idee und jede Leistung das Ergebnis der schöpferischen Kraft eines Menschen ist und daß die Bewunderung vor der Größe nicht nur ein Dankeszoll an diese darstellt, sondern auch ein einendes Band um die Dankenden schlingt.“

Ich habe deshalb die Probleme der deutschen Revolution und meine Stellung dazu so scharf umrissen, weil das Gerede von der zweiten Welle, welche die Revolutionen vollenden werde, kein Ende nehmen will. Wer verantwortungslos mit solchen Gedanken spielt, der soll sich nicht verhehlen, daß einer zweiten Welle leicht eine dritte folgen kann, daß, wer mit der Guillotine droht, am ehesten unter das Fallbeil gerät. Auch ist nicht ersichtlich, wohin diese zweite Welle führen soll. Es wird viel von der kommenden Sozialisierung gesprochen. Haben wir eine antimarxistische Revolution erlebt, um das Programm des Marxismus durchzuführen? Denn Marxismus ist jeder Versuch, die soziale Frage durch Kollektivierung des Eigentums zu lösen. Wird dadurch das deutsche Volk reicher, wird sein Volkseinkommen größer, geht es irgend jemandem besser als allenfalls denen, die bei einem solchen Raubzug Beute wittern? Gewiß gibt es ein soziales Problem, hervorgerufen durch wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Vorgänge. Diese sind aber nur zu meistern, wenn das Eigentum wieder unter Verantwortung gestellt wird, nicht dadurch, daß die kollektive Verantwortungslosigkeit zum herrschenden Prinzip erhoben wird. Sie darf daher auch nicht zum Prinzip einer sich immer mehr von eigener Initiative und Verantwortlichkeit entfernenden Planwirtschaftsweise gemacht werden. Denn wer noch nicht gemerkt hat, daß jede Form des Kollektivismus zu unausrottbarer Korruption führt, der ist bisher blind durch die Welt gegangen.

Kein Volk kann sich den ewigen Aufstand von unten leisten, wenn es vor der Geschichte bestehen will. Einmal muß die Bewegung zu Ende kommen, einmal ein festes soziales Gefüge, zusammengehalten durch eine unbeeinflußbare Rechtspflege und durch eine unbestrittene Staatsgewalt, entstehen. Mit ewiger Dynamik kann nicht gestaltet werden. Deutschland darf nicht ein Zug ins Blaue werden, von dem niemand weiß, wann er zum Halten kommt. Die Geschichte fließt von allein, es ist nicht notwendig, sie unablässig zu treiben. Wenn deshalb eine zweite Welle neuen Lebens durch die deutsche Revolution gehen sollte, so nicht als soziale Revolution, sondern als schöpferische Vollendung des begonnenen Werkes. Der Staatsmann ist dazu da, Formen zu schaffen; seine einzige Sorge gilt Staat und Volk. Der Staat ist die alleinige Macht und der letzte Garant für das, worauf jeder Staatsbürger Anspruch hat: auf eiserne Gerechtigkeit. Der Staat kann deshalb auf die Dauer auch keinen Dualismus ertragen, und von der Frage, ob es gelingt, den Dualismus zwischen Partei und Staat einer befriedigenden Lösung zuzuführen, hängt der Erfolg der deutschen Revolution und die Zukunft unseres Volkes ab.

Die Regierung ist wohlunterrichtet über all das, was an Eigennutz, Charakterlosigkeit, Unwahrhaftigkeit, Unritterlichkeit und Anmaßung sich unter dem Deckmantel der deutschen Revolution ausbreiten möchte. Sie täuscht sich auch nicht darüber hinweg, daß der reiche Schatz an Vertrauen, den ihr das deutsche Volk schenkte, bedroht ist. Wenn man Volksnähe und Volksverbundenheit will, so darf man die Klugheit des Volkes nicht unterschätzen, muß sein Vertrauen erwidern und es nicht unausgesetzt bevormunden wollen. Das deutsche Volk weiß, daß seine Lage eine ernste ist, es spürt die Wirtschaftsnot, es erkennt genau die Mängel mancher aus der Not geborenen Gesetze, es hat ein feines Gefühl für Gewalt und Unrecht, es lächelt über plumpe Versuche, es durch eine falsche Schönfärberei zu täuschen. Keine Organisation und keine noch so laute Propaganda wird auf die Dauer allein imstande sein, das Vertrauen zu erhalten. Ich habe deshalb die Propagandawelle gegen die sogenannten „Kritikaster“ anders aufgefaßt, als dieses von manchen geschah. Nicht durch Aufreizung, insbesondere der Jugend, nicht durch Drohungen gegenüber hilflosen Volksteilen, sondern nur durch eine vertrauensvolle Aussprache mit dem Volke kann die Zuversicht und die Einsatzfreude gehoben werden. Das Volk weiß, daß ihm schwere Opfer zugemutet werden. Es wird sie ertragen und dem Führer in unerschütterlicher Treue folgen, wenn man es mitraten und -taten läßt, wenn nicht gleich jedes Wort der Kritik als Böswilligkeit ausgelegt wird, und wenn verzweifelnde Patrioten nicht zu Staatsfeinden gestempelt werden.

Als der deutsche U-Bootkrieg England im Lebensnerv traf, machte die englische Presse das englische Volk auf die ganze Schwere der Gefahr aufmerksam. Der Erfolg war, daß die Engländer wie ein Mann zur Abwehr zusammenstanden. Gerade angesichts des geistigen und materiellen Boykotts, dem wir in der Welt ausgesetzt sind, zeigt dieses Beispiel, wie stark das Verhältnis zwischen Führung und Volk auf Vertrauen aufgebaut sein muß, wenn es um letzte Dinge geht. Ein entmündigtes Volk hat kein Vertrauen zu verschenken.

Es ist an der Zeit, in Bruderliebe und Achtung vor dem Volksgenossen zusammenzurücken, das Werk ernster Männer nicht zu stören und doktrinäre Fanatiker zum Verstummen zu bringen. Die Regierung warnt diejenigen, die nicht sehen wollen, daß die Deutschen ein Volk unter Völkern inmitten Europas sind, daß die spärlichen, überlieferten Güter, die wir gerettet haben, zusammengehalten werden müssen und wir uns keine leichtfertige Zerstörung überkommener Werte leisten können. Verleugnen wir das große Kulturerbe, mißachten oder mißhandeln wir die tausendjährige Geschichte unseres Volkes, die dreitausendjährige unseres Erdteils, so werden wir die großen Chancen, die das 20. Jahrhundert nochmals dem Kernvolke Europas bietet, verpassen. Weltgeschichte wird heute dort gemacht, wo man lächelnd auf das kranke Europa herabsieht. Wenn Europa seinen Anspruch auf Führung in der Welt aufrechterhalten will, dann ist keine Stunde mehr zu verlieren, um alle seine Kräfte der geistigen Wiedergeburt zu widmen und die kleinlichen Querelen zu begraben.

Die Welt steht in gewaltigen Veränderungen, nur ein verantwortungsbewußtes, zuchtvolles Volk wird führen. Wir Deutschen können uns aus Ohnmacht zu der gebührenden Stellung emporarbeiten, wenn wir Geist mit Energie, Weisheit mit Kraft, Erfahrung mit Tatwillen paaren. Die Geschichte wartet auf uns, aber nur dann, wenn wir uns ihrer als würdig erweisen.


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  1. Sebastian Maaß. Die andere deutsche Revolution: Edgar Julius Jung und die metaphysischen Grundlagen der Konservativen Revolution. KIGS 1. Kiel: Regin-Verlag, 2009. S. 124.

  2. Ebd.

  3. Ebd., S. 126.

  4. Karl Martin Graß. Edgar Jung, Papenkreis und Röhmkrise 1933/34. Heidelberg: [Diss.], 1966. S. 234.

  5. Maaß, a. a. O., S. 126.