Ich befehle!, Kapitel VI

Kampf und Tragödie des Barons Ungern-Sternberg

Auszug aus Kapitel VI

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Vielen ist der Name des Barons kein fremder mehr. Viele haben unter ihm gekämpft, als er, beinahe ein Jüngling noch, im Chinesisch-Mongolischen Krieg die mongolische Kavallerie von Sieg zu Sieg gegen die chinesischen Tyrannen führte. Sie sahen seinen Mut, der sich oft bis zur Tollkühnheit steigerte; sie wurden mitgerissen von dem fanatischen Glühen seiner Augen, wenn er, um hundert Meter oft voraus, seine Reiter zum Sturmangriff führte. Und mancher war dabei, wie der Baron nach gewonnener Schlacht vom Pferde stieg, den Mantel schüttelte und die Kugeln herausfielen, die in seinen Kleidern haftengeblieben waren und von denen ihn keine hatte verwunden können.

Und in ehrfürchtiger Scheu neigten die Krieger ihr Haupt. ‚Unverwundbar ist er!‘, ging ein Raunen durch ihre Reihen, und schon damals nannten ihn viele den Wiedergeborenen Kriegsgott.

Jetzt aber, da der Baron an der Spitze seines Heeres das Land betreten hat, deuten die Fürsten und Lamas nach Osten. Und von Ort zu Ort, von Zelt zu Zelt, von Mund zu Mund fliegt die frohe Verheißung: Nicht mehr fern ist der Tag, da der Befreier in Urga einziehen wird, in die Residenz des Heiligen Kaisers, in die große Stadt der Klöster. Nah ist der Tag, da der Retter erscheint. Bald wird er kommen, der gewaltige weiße Krieger, um dessen geheimnisvolle Person sich heute schon Legenden ranken in Sibirien, in China und in der weiten Mongolei.

Kommen wird er, um das Erbe Dschingis Khans und Kublai Khans anzutreten, denen die Welt gehörte. Den Mongolen aber wird er wieder die Freiheit erstreiten, sie zu einem angesehenen und mächtigen Volke machen, unabhängig und frei. Und sie hoffen und warten auf ihn, auf den großen weißen Gott des Krieges.

Ungern selbst ist wohlunterrichtet über die Stimmung des mongolischen Volkes. Er weiß, daß er sie in seine Berechnungen einstellen darf. Aber er weiß auch, daß der Mongole von Hause aus kein guter Soldat ist und daß der eigentliche Träger des Kampfes seine russische Truppe sein wird.

Ursprünglich hat er beabsichtigt, selbst einen Patrouillenritt nach Urga zu unternehmen, sich aber schließlich durch Resuchins inständiges Bitten davon abhalten lassen. Auf eigenen Wunsch sind Major Lichatschow und der japanische Graf Hakatiama beauftragt, das Terrain rings um die Stadt zu sondieren und, wenn möglich, die Lage in Urga selbst zu erkunden.

Indessen führt der Baron die Division näher und näher an die Hauptstadt heran. Überall, wo sich die Truppen und ihr Führer zeigen, werden sie von der Bevölkerung als Befreier jubelnd begrüßt. Ungern, der die Mongolen kennt, hat Requirierungen und Plünderungen aufs strengste verboten. Erweist sich die Beschaffung von Lebensmitteln oder Gebrauchsgegenständen als unumgänglich nötig, so wird die Ware in gutem Gold bezahlt. Dank dem ungeheuren Respekt und der Furcht vor Ungern kommen Übergriffe seiner Soldaten tatsächlich nicht vor.

Die Division steht etwa hundert Kilometer von Urga entfernt, als Lichatschow und Hakatiama zurückkommen und sofort beim Baron vorgelassen werden.

Auf dem niedrigen, harten Feldbett liegend, die Arme unter dem Kopf verschränkt, empfängt Ungern seine Offiziere, die auf den beiden einzigen Stühlen im Zelt Platz nehmen. Burdukowski, Ungerns Bursche, bringt heißen Tee und am Spieß gebratenen Fisch. Erst nachdem sich die beiden gestärkt haben, hört der Baron ihren Bericht an.

Unter großen Schwierigkeiten ist es Lichatschow und Hakatiama gelungen, sich von verschiedenen Seiten in die stark bewachte Stadt einzuschleichen. Ihre Erkundungen sind von Wichtigkeit.

Die chinesische Besatzung ist auf den Angriff vorbereitet und hat alle erdenklichen Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Bolschewisten haben von Irkutsk einen ehemaligen ungarischen Kriegsgefangenen, einen Ingenieur, nach Urga geschickt, der dem chinesischen Gouverneur bei der Verteidigung behilflich sein soll. Er hat vom Generalstab den Auftrag zum Bau einer Fabrik bekommen, in der Bomben hergestellt werden.

Der gut bezahlte und offenbar recht geschäftstüchtige Ungar hat den Chinesen eingeredet, man täte gut daran, die große Karawanenstraße Kaigan—Urga, auf der der Baron zweifellos mit seinem Heere heranziehen würde, zu unterminieren. Und tatsächlich sind dann auch an dieser Straße in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt nicht weniger als vierzig riesige Minen vergraben worden.

Im übrigen bestätigen sich die Gerüchte, die die zu Ungerns Truppe gestoßenen mongolischen Abteilungen mitgebracht haben, vollauf. Die Lage der weißen Russen in Urga ist eine sehr gefährliche. Unter dem Vorwand, daß sie mit dem Feinde konspirieren, sperrt man sie in Massen in die Gefängnisse. Mißhandlungen sind an der Tagesordnung.

Nach einem Gewaltmarsch besetzt der Baron am nächsten Abend, ohne Widerstand zu finden, die Hügel vulkanischen Ursprungs, die Urga rings umschließen. In der Frühe des darauffolgenden Morgens, es ist der 24. September 1920, wird das Bombardement auf die Stadt eröffnet. Zwar besteht Ungerns gesamte Artillerie nur aus zwei kleinen Kanonen, diese aber leisten gute Arbeit. Ein Volltreffer zerstört die Bombenfabrik, dessen gewaltige Detonation die Einwohner mit Furcht und Schrecken erfüllt. Auch das Generalstabsgebäude und die Kasernen werden mit Geschossen belegt.

Am Mittag des anderen Tages, am 25. September, führt Ungern sein Heer persönlich zum Angriff. Auf Mascha, seiner grauen Stute, galoppiert er, keine andere Waffe als den Taschur in hoch erhobener Hand, den jubelnden und Hurra brüllenden Soldaten voraus.

Vor den Toren der Stadt kommt es zum Kampf Mann gegen Mann. Der Bambusknüppel des Barons, die Säbel seiner Kosaken wüten furchtbar unter den Chinesen. Doch deren Übermacht ist groß. Immer neue Truppen speien die Tore aus. Erbittert kämpfen sie auf den zertrampelten Leichen der Gefallenen um ihr Leben. Bis in die Nacht hinein wogt die Schlacht hin und her. …



Ende des Kapitelauszugs

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Roman Fjodorowitsch Freiherr von Ungern-Sternberg


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