Ich befehle!, Kapitel XV

Kampf und Tragödie des Barons Ungern-Sternberg

Auszug aus Kapitel XV

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Der Bogd Uul, der Heilige Berg, ist der Knotenpunkt dreier langgestreckter Bergketten und gehört dem Lebenden Buddha als Privatbesitz. Er ist von dichtem Lärchenwald bedeckt, in dem die verschiedensten Arten Tiere leben. Niemand darf den Heiligen Berg betreten außer dem Kaiser selbst und denen, die ihn persönlich begleiten. Streng wird der bestraft, der in den weit ausgedehnten Waldungen jagt. Ist er Mongole, so droht das Gesetz ihm den Tod an, der Ausländer aber wird rücksichtslos des Landes verwiesen.

Niemanden gibt es in der Mongolei, der sich rühmen könnte, die Höhenzüge des Heiligen Berges überquert zu haben. —

Ungern reitet an der Spitze seiner Tibetaner. Genaue Kenntnis des Landstriches und untrüglicher Ortssinn erleichtern es ihm, in dem weglosen Gelände die Richtung zu finden. Steil geht es bergan. Er läßt sein Pferd im Schritt gehen. Wie immer trägt er keine Schußwaffe, sondern nur seinen dicken Bambusknüppel bei sich, den er unter den linken Arm geklemmt hat.

Auch die Ausrüstung der Tibetaner ist sonderbar genug. Ihre Hauptwaffen in dem bevorstehenden Kampf werden Pfeil und Bogen sein, denn Lärm soll nach Möglichkeit, und besonders im Anfang, vermieden werden. Auf den breiten Rücken der Männer schaukelt der Köcher mit den vergifteten Pfeilen gespenstisch hin und her. An der linken Sattelseite hängt der lange, leicht gekrümmte Säbel.

Ungern spricht halblaut mit dem Burjaten Tubanow, der dicht hinter ihm reitet. Die übrigen bewahren, wie befohlen, tiefstes Schweigen. Auch der Huftritt der mühsam bergan kletternden Pferde ist trotz der Stille der Nacht nicht zu vernehmen. Bisweilen nur, sehr selten, löst sich ein Stein vom Boden oder ein Klumpen Schnee und rollt mit dumpfem Geräusch zu Tal. Der warme Atem von Mann und Roß schwebt wie eine leichte, schnell zerflatternde und immer wieder neu sich bildende Wolke zum dunklen Sternenhimmel empor.

Nach zwei Stunden angestrengten Rittes ist der Kamm des Berges erklommen. Ein paar Minuten nur dauert die Rast, denn die Kälte ist so groß, daß die Pferde schon nach kurzer Zeit zu zittern beginnen. Der Abstieg ist weniger beschwerlich, die Seite des Berges nach der Tuul hin, an der der Palast Bogd Gegens liegt, ist nicht so steil. Aber noch lange dauert es, bis das Ziel in greifbare Nähe rückt.

Endlich, endlich blinkt zu ihren Füßen, in der klaren Nachtluft schon aus großer Ferne deutlich sichtbar, eine Reihe von Feuern auf. Und während sie sich langsam über das Eis der Tuul nähern, erkennen sie auch im flackernden Widerschein die goldenen Kuppeln des riesigen Palastes. Davor aber haben sich um zehn lodernde Feuer herum die chinesischen Posten gelagert, welche die Außenwache haben.

An jedem der Feuer sitzen oder liegen acht bis zehn Soldaten. Die meisten schlafen. Niemand von ihnen scheint auch nur im entferntesten die Nähe der Gefahr zu ahnen.

Als der Trupp auf Pfeilschußweite herangekommen ist, läßt Ungern die Tibetaner halten. Tubanow bezeichnet jedem den Chinesen, auf den er anzulegen hat. Diejenigen, die offensichtlich nicht schlafen, sollen zuerst erledigt werden. Es dauert eine geraume Zeit, bis alle Tibetaner ihre Opfer Zugewiesen bekommen haben, denn auch das Ziel des zweiten Schusses muß ja schon jetzt festgelegt werden. Dann gibt Tubanow ein Zeichen mit der Hand.

Gleichzeitig beinahe schwirren fünfzig Pfeile mit leise summendem Geräusch von den gespannten Bögen. Und während an den Lagerfeuern fünfzig Feinde, mit unheimlicher Sicherheit zu Tode getroffen, röchelnd, sterbend zu Boden sinken, haben die Schützen schon blitzschnell neue Pfeile aufgelegt. Und zum zweiten Male fliegt der Tod mit lautlosem Flügelschlag durch die kristallklare Winterluft. Die Schlafenden zucken kaum auf und erstarren, ohne daß ihnen bewußt wird, was geschah, in jähem Sterben.

Ungern wartet die eine Minute ab, binnen derer das Gift längstens seine Wirkung getan haben muß, dann gibt er das Zeichen zum Sturm auf den Palast. Jetzt ist, um Verwirrung zu stiften, die Entwicklung möglichst großen Lärms geboten. Die Tibetaner stoßen, von den Pferden springend, die hohen Portale auf und erheben, den blanken Säbel in der rechten Hand, ein so ohrenbetäubendes Geschrei, als ob ihrer mindestens tausend wären, die in das Gebäude eindringen.

Das Blutbad ist furchtbar.

Wer von den Chinesen Widerstand zu leisten wagt, wird erbarmungslos niedergehauen. Aber das sind nicht sehr viele. Die weitaus meisten folgen, vor Schreck und Angst fast besinnungslos, den Befehlen, die ihnen diejenigen von den Eindringlingen, die der chinesischen Sprache mächtig sind, zurufen. Zusammen mit Tubanow und fünf Tibetanern dringt Ungern in das Innere der ihm von früheren Empfängen her wohlbekannten Gemächer, an den Schlafzimmern der Lamas, an den großen Bibliotheksräumen, an den Sälen, in denen der Kaiser alle nur denkbaren europäischen Produkte aufgespeichert hat, vorbei. Vor den eigentlichen Zimmern des Gottes kommt es noch einmal zu kurzem Kampf. Aber die chinesischen Wachen zielen in der Aufregung schlecht und schießen vorbei. Der Baron hört die Kugel haargenau an seinem linken Ohr vorüberjagen, holt aus und zerschmettert in einem Augenblick zweien der Verteidiger mit dem Taschur die Köpfe.



Ende des Kapitelauszugs

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Roman Fjodorowitsch Freiherr von Ungern-Sternberg


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